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Lamarque, Peter: The Opacity of Narrative. London/New York: Rowman & Littlefield 2014. 213 Seiten. [978-1-78348-017-3]

Rezensiert von Alexander Fischer (Universität Bamberg)

Peter Lamarque sorgt sich um seinen Leser. Bereits im ersten Satz seines Buches heißt es: „I suspect that few enter the field of narratology without some trepidation.“ (vii) Seine Sorge mag durchaus berechtigt sein, schließlich wird das Feld der Narratologie derzeit vielfältig und divers beackert: Sowohl Psycholog_innen als auch Linguist_innen, Soziolog_innen, Historiker_innen, Theolog_innen, Literaturwissenschaftler_innen und nicht zuletzt auch Philosoph_innen produzieren eine bunte, nicht immer kohärente Mischung an Wissen. Lamarque, von Beginn an um eine klare, Sicherheit gewährende Transparenz bemüht, zählt sich zu den (durchaus in der skeptischen Tradition stehenden) Philosophen und stellt sein Nachdenken über Narrationen umgehend in eine spezifische Perspektive: die der Philosophie der Literatur. Schließlich seien in der Literatur nicht nur einige der besten Beispiele von Narrationen zu finden, sondern auch solche, die „a special place in human self-consciousness“ (vii) besetzen, indem sie kulturelle Referenzrahmen darstellen und mitunter unsere persönliche Reflexion zu bestimmen vermögen. Aus diesem Blickwinkel heraus also widmet sich Lamarque in seinem Buch mit größtmöglicher Klarheit und immer deutlicher Zielführung den Fragen danach, wie wir (reale oder fiktive) Narrationen verstehen sollten, was sie unterscheidet und jeweils besonders macht und was an ihnen uns anzieht, ihnen spezifischen Wert verleiht. Dabei stellt er erhellende, sprachlich scharfe Betrachtungen über das Besondere von Literatur und literarischen Narrationen, das Verhältnis von ebenjenen und realen Lebensnarrationen, Literatur und Wahrheit, Ästhetik und Literatur sowie Psychologie und Literatur an. Mitunter sind die Texte des Buches zuvor schon andernorts veröffentlicht worden, und so ist dieses Buch, wenngleich als Monographie beworben, eigentlich eine Sammlung von Lamarques wichtigsten, überarbeiteten Aufsätzen zum Thema, die in ihrer Anordnung als zehn Kapitel des Buches zwar einem gewissen roten Faden folgen, jedoch nicht immer direkt miteinander verbunden sind. Dennoch begreift man das vorliegende Werk trotz mitunter fehlender Übergänge zwischen den gehaltvollen Kapiteln schnell als eine wahre Fundgrube für eine Einarbeitung in das philosophische Denken über Narration.

Um Lamarques zahlreiche und reichhaltige Thesen nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, sein grundlegendes Modell von Narration zu rekonstruieren, wobei er immer von Narrationen in der Literatur ausgeht, die das größtmögliche Erklärungs- und Abgrenzungspotential für die von ihm gestellten Fragen aufbieten. Während der umstrittene Begriff „Narration“ dafür zunächst erst einmal minimal, formal und (im Gegensatz zum Begriff „Literatur“) nicht evaluativ definiert wird, nämlich als „the representation of two or more events, real or imaginary, from a point of view, with some degree of structure and connectedness“ (1), macht Lamarque schnell deutlich, dass Narrationen im Rahmen von Literatur (im Gegensatz zu ihren sonstigen vielfältigen Formen anderswo) auf besondere Weise verfasst sind. Deutlich wird dies, wenn wir die grundlegende Frage nach Wahrheit in der Literatur zum Ausgangspunkt des Verstehens seines Modells machen.

Die Grundsatzfrage nach der Wahrheit in der Literatur

Es wird gemeinhin angenommen, dass große literarische Werke Wahrheiten über das Wesen des Menschen, die Dunkelheit unseres Unbewussten oder die Undurchsichtigkeiten sozialer, politischer und persönlicher Sphären zu offenbaren vermögen – wie auch immer diese, abhängig auch vom angelegten Wahrheitsbegriff, gestaltet sein mögen: Z. B. derart, dass Texte als „wahrhaftig“ oder „treffend“ gelten, wenn sie in kognitivem Sinne bereichernd sind, unsere Begriffe und unsere Weltsicht erweitern. So stellt Kleist in seinem Michael Kohlhaas dar, wie auch ein rechtschaffener Mensch zu einem Rebellen werden kann, Kafka drückt die manchmal undurchsichtig erscheinende Verfasstheit der Welt aus oder wir lernen das Leben bestimmter gesellschaftlicher Schichten mittels naturalistischer Texte wie derjenigen Hauptmanns kennen. Literatur ist damit anscheinend zu etwas fähig, womit Sozialwissenschaften, Psychologie, Philosophie und so viele andere Disziplinen Schwierigkeiten haben – nämlich Sphären des Dunklen und Undurchsichtigen im Menschen und der Welt generell verstehbar darzustellen (so beispielsweise Gabriel 1975; Elgin 2007; Gaut 2007).

Diesen Zugang zum Verständnis von Literatur – und man bemerkt vielleicht schon, dass es Lamarque eher um Literatur an sich geht und die oben bereits minimal definierte eigene Form der Narrationen ein wenig, so könnte man sagen, mitgeschleppt wird – hält Lamarque jedoch für mindestens irreführend. Die Frage, ob Literatur und die in ihrem Rahmen stehenden Narrationen Wahrheiten offenbaren könnten, sei von Anfang an falsch gestellt (121). Sie wecke falsche Erwartungen, mit denen die Leser_innen von Literatur an Texte herantreten, und eigne sich nicht als Ausgangspunkt, um die Besonderheit, das Wesentliche der Literatur zu bestimmen. Im Vergleich mit einem philosophischen Text könnte man sagen, dass zum Beispiel Rousseaus Emile einen dezidiert philosophischen Wert in Bezug auf seine Argumentation und dem damit verbundenen Streben nach Wahrheit besitze, wohingegen der literarische Wert des Textes, der als Bildungsroman lesbar ist, sich aus der Art ergibt, wie er verfasst ist. Lamarque fordert hier zur Differenzierung auf (122), denn literarische Werke nutzen, zumal wenn sie fiktiv sind, andere Strategien und andere Stilmittel als solche Texte, die das Finden einer Wahrheit vorantreiben wollen. Letztere – und es lässt sich fragen, ob eine solch klare Trennung wirklich zu machen ist, denn Philosophie ist mit ihrer Variabilität der Verfasstheit ja mehr als Mathematik in Wörtern – lenken die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf die Thesen und Argumente – und werden an deren Stichhaltigkeit gemessen: „To read philosophy is to read for truth.“ (139) Ein Werk aus literarischer Perspektive zu lesen und zu bewerten, ist dagegen ein anderes Unterfangen: Literatur sowie Narrationen werden nicht unbedingt für eine einzelne These oder Botschaft geschätzt (auch wenn dies eine zu vereinfachende Sichtweise von Wahrheit ist), die sie vermitteln möchten – diese sind, wenn man versucht, große literarische Werke so weit herunterzukochen, amüsanterweise oft trivial. Literatur wird stattdessen, so Lamarque, für ihre unterschiedlichen Weisen Inhalte zu vermitteln geschätzt, für ihre Sogwirkung, für Kohärenz, das Eröffnen einer interessanten Perspektive und nicht zuletzt für ihre formalen Qualitäten in Bezug auf Struktur und Gestaltung des Textes (139). Sie vermag zwar in manchen Fällen auch Wahrheiten anstreben – überhaupt sei angemerkt, dass es natürlich eine Vielzahl von einzeln zu betrachtenden Grenzfällen gibt, in denen eine doch eher unplausible Dichotomie von Wahrheit/nicht-Wahrheit und Philosophie/Literatur aufgelöst ist –, auch wenn Lamarque diese Wirkweise von Texten leider nicht näher beschreibt; doch das sei eben „not at the heart of literature“ (139), kein Alleinstellungs- und Abgrenzungskriterium und darum auch nicht Fokus seines Textes.

Regelgeleitete Praxis: Undurchsichtige und transparente Literatur

Im Herzen der Literatur und damit auch literarischer Narrationen sieht Lamarque etwas anderes, womit er sich etwas von der Diskussion um die Philosophie der Literatur abzusetzen vermag, die neben der oft von der Diskussion um Fakt/Fiktion abhängenden Frage nach dem Wahrheitswert sonst gern auf semantische oder formale Erklärungen als definiens für „Literatur“ zurückgreift: Opacity (viii, insbesondere auch Kapitel 1 und 8). Statt die (etwas überzeichnete) Ansicht zu vertreten, Literatur würde Wahrheiten hervorbringen und sei damit wie ein transparentes Glas, durch das hindurch man die (reale oder fiktive) Welt betrachte, vertritt Lamarque die Ansicht, dass gerade das Gegenteil, also das ‚Trübe‘, das ‚Beschattete‘, ‚Undurchsichtige‘ von literarischen Narrationen – das Gegenteil von Transparenz (transparency) also – die größte Abgrenzungs- und Erklärungsleistung im Bestimmen der Besonderheit von Literatur und literarischen Narrationen bietet (3), auch wenn Opacity und Transparency nicht als Dichotomie, sondern, so denke ich, als ein Kontinuum verstanden werden müssen. Lamarque möchte mit seiner These den Blick darauf lenken, dass Narrationen, die uns in ihre feingearbeiteten Details, ihre feingearbeitete „Welt“, mit ihren Charakteren, Vorfällen, mit ihrem ganzen Setting und der Struktur hineinzuziehen vermögen, kein transparentes Glas sind, durch das wir in die (fiktive) Welt schauen können, sondern eine Welt im bemalten, opaken Glas sind, in das wir rezipierend hineinschauen können. Mehr noch: „Opacity“ meint, dass im literarischen Kontext Form und Inhalt als unteilbar gesehen werden müssen – der Inhalt wird durch die Modi der Präsentation sogar konstituiert: „for [a] scene itself derives its very identity (including its mood and character) through [the] exact lines [in which it is presented]“ (4).

‚Undurchsichtigkeit‘ meint also, dass zwei literarische Narrationen mit dem gleichen Inhalt niemals gleichgesetzt werden können, da die jeweils individuelle Form von immenser Bedeutung für die Konstitution der ganzen Narration ist und ihren Inhalt bewahrt – man denke an die verschiedenen Bearbeitungen des Fauststoffes. Angemerkt sei, dass dies durchaus auch für so manche philosophische Texte gelten mag, die in einer hermeneutischen Perspektive zum Beispiel auch mittels ihrer individuellen Formen ausgelegt werden, wie es mit Texten Nietzsches geschah und geschieht. Lamarque nähert sich in seinem Verständnis der Individualität von Texten, zumindest in Bezug auf die Struktur einer Narration, Aristoteles' Vorstellung an, dass „Teile der Geschehnisse so zusammengefügt sein [müssen], daß sich das Ganze verändert und durcheinander gerät, wenn irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird“ (Poetik 1451a30-35).

Doch Lamarque geht weiter, weil seine Vorstellung von Transparenz beinhaltet, dass auf einen Inhalt durchaus in verschiedenen Weisen zugegriffen werden kann – man denke an faktengebundene Darstellungen historischer Ereignisse. Der Unterschied zwischen Opacity und Transparency ist von Tragweite, denn er bedeutet, dass Erkenntnisse, die wir im Rahmen des Lesens von Literatur gewinnen, einen ganz anderen Status haben als andere Wissensgegenstände. Wenn wir literarische Narrationen nämlich in ihrer Besonderheit als bestimmte, nicht lediglich transparente Formen berücksichtigen, bemerken wir, dass sie Gedanken und Bilder in uns aufrufen, die mitunter dazu fähig sind, unsere innere, geistige Landschaft mehr oder weniger permanent zu verändern – in anderer, tieferer, wirkungsvollerer Weise als ein rationales Argument. Wirkmächtige Narrationen residieren in unserem Geist nicht als Wahrheiten oder Gebote, sondern „as fine-grained memory-like thoughts that could, but need not, be a resource useful in multiple ways in negotiations with our own world, even when we don’t notice this happening.“ (viii)

Auch Lamarques Konzeption von Opacity ist wegweisend. Wenn darin das Wesen von Literatur gesehen wird, entscheidet man sich gegen eine Reduktion auf einzelne Aspekte wie Form, Inhalt, Sprache oder propositionale Bedeutung, aber auch auf rezeptionsästhetische Phänomene wie die Erregung von Emotionen. Opacity lässt sich als ein integratives Modell verstehen, das sowohl inhaltliche und formale, aber auch sprachliche, propositionale und rezeptionsästhetische Aspekte zusammenzubringen versucht. Dabei zeigt es sich in zwei Kontexten: der „non-substitutivity of identities and the non-transparency or intentionality of representation.“ (8) Letzteres ist die inhaltliche, formale und sprachliche Seite, die auch die Rolle des Erzählers mittels der Intention miteinbezieht. Doch Leser_innen bestimmen auch selbst, wie sie Narrationen rezipieren, wodurch ein rezeptionsästhetisches Moment in Lamarques Konzeption einzieht. Wir können Narrationen transparent lesen oder opak, relativ zu dem Interesse, das wir ihnen entgegenbringen und der Art von Aufmerksamkeit, die wir ihren Präsentationsmodi zukommen lassen. Wenn wir Geschichtsromane lesen, die in der historischen Welt der Fakten situiert und in ihren Inhalten von vornherein nicht vollkommen fiktiv gestaltet sind, finden wir oft einen Kompromiss zwischen den Kriterien Opacity und Transparency. Wenn wir Literatur als Kunst verstehen (ähnlich wie ein Gemälde), gehen wir mit besonderem Interesse und mitunter besonderer Aufmerksamkeit für die Präsentationsmodi an den Text – wir lesen sie als opak. Wenn wir, so Lamarque, wiederum Philosophie lesen, lesen wir sie, wie bereits erwähnt, auf ihren Wahrheitswert hin – wir lesen sie als transparent (auch wenn man sich fragen könnte, wie das mit Heidegger oder Adorno funktioniert).

Hier wird deutlich, dass Lamarque eine „idea of a practice“ hat, die sowohl Produzent_innen von realen oder fiktiven Narrationen als auch Leser_ innen involviert. Diese Idee kann für ihn den immer im Hintergrund der Diskussion schwelenden Streit um die Charakterisierungen von Fakten und Fiktionen innerhalb der Literatur sinnvoll beenden. Indem wir nicht nur auf Wahrheit oder bloße rhetorische Modi schauen, sondern – hier scheint Wittgenstein durch – auf „rules of the ‚game‘ being played“ (x, Kapitel 6), erhalten wir ein klares Abgrenzungskriterium beispielsweise von Fakten und Fiktionen, die dann jeweils mit anderen „constraints on reading, aims, expectations, modes of evaluation, focus of attention, inferences permitted and so forth“ (ix) agieren. Erneut wird dies gemeinsam mit der Vorstellung von Opacity und Transparency im Vergleich von literarischen und lebensrealen Narrationen deutlich: „The fact that readers of the great works of literature give special attention to the precise manner in which the content is presented is integral to the practice of reading literature as literature.“ (13) Die Form ist also nicht einfach nur irgendeine Form, sondern sie ist essentiell für den Inhalt, für die Identität des Textes. Was literarische Narrationen und Literatur generell wertvoll macht, sind nicht nützliche Wahrheiten oder in den Leser_ innen erregte Emotionen, sondern die Weise, wie ihr Inhalt mittels der linguistischen Form profiliert und verschmolzen wird und wie die Aufmerksamkeit auf den Inhalt Einfluss auf die gedanklichen Prozesse der Leser_innen und deren individuelle Sicht auf die Welt nimmt. Dieser Vorschlag ermöglicht also einen Weg aus den Problemstellungen formalistischer Erklärungen der Wertigkeit von Literatur und vermeidet zeitgleich produktions- und rezeptionsästhetische Reduktionen, in dem der Blick auf die Beziehung zwischen Autoren_innen/Erzähler_innen und deren Intentionen, über die Texte und ihren Inhalt und Gestaltung hin zu Leser_innen und deren Erwartungen ausgeleuchtet wird. Hilfsmittel bei der Betrachtung sind dabei Konventionen (historisch und sozial gewachsen) für die Gestaltung eines Textes, den Akt des Lesens dieser Texte und ihrer Bewertung – gewisse Regeln eben. Literatur ist so soziale Praxis (die einer näheren Untersuchung bedarf), womit ein Rahmen bereitgestellt wird, der literarische Texte beinhalten kann, einen Umgang und die Bewertung von Texten regelt.

„Make-believe fictions“ und die Leistungsfähigkeit von Narrationen

Mittels dieser ‚pragmatischen‘ Vorstellung der Unterscheidung von Narrationen (36) lässt sich nun die Rolle von Fiktionen im Rahmen von Narrationen klären und Lamarques pragmatische Ansicht nochmal konkretisieren (Kapitel 2):

The defining feature of a make-believe fictive utterance, which includes fictional narrative, does not rest on a contrast between what is ‘made up’ and what is ‘out there’, nor does it presuppose a correspondence view of either reference or truth. Instead, it lies in a network of practised-based relations at the centre of which is a set of attitudes I will label the ‘fictive stance’. The fictive stance is not a property of sentences or utterances but rather an attitude taken towards them by participants in the ‘game’ of fiction. The fictive stance is made possible only within a complex, loosely rule-governed practice which determines storytellers’ intentions and readers’ responses. (46f.)

Fiktionalität haust demnach ebenfalls in einer praktisch-grundierten und regelgeleiteten Beziehung zwischen Autor_in, Text und Leser_in. „Make-believe fictions“ sind darauf angelegt uns auf bestimmte Weise etwas glauben zu lassen, während logische Fiktionen oder epistemische Fiktionen anders konstituiert sind. Ohne eine Konvention von Fiktionalität könnten wir Narrationen, die damit arbeiten, also nicht als fiktiv im make-believe-Sinne erkennen. Indem Lamarque diese pragmatische Sicht einnimmt, bricht er mit anderen ‚pragmatischen Blicken‘ auf Fiktion, die sich stärker auf Sprechakttheorie (denn, so Lamarque, „fictive utterance“ grenzt sich von konventionellen kommunikativen Akten ab) oder die Idee des Scheins beziehen (denn nach Lamarque geht es darum auf eine bestimmte Weise auf Fiktion zu reagieren, bei der man nicht wirklich glaubt, dass das Erzählte wahr sei). Doch wichtiger noch ist, dass er sich mit dieser Sichtweise als Realist entpuppt, der anders als viele Narratolog_innen die Korrespondenztheorie der Wahrheit nicht verabschiedet und jede Narration, die wir in mannigfaltiger Gestalt finden, im Sinne von ‚made up‘ oder ‚erfunden verstehen möchte. Dies würde, gerade wenn wir Narrationen als erkenntnistheoretisch-relevantes Denkmodell anerkennen, einige grundsätzliche Fragen aufwerfen – deren Antworten dann durchaus nach Postmoderne schmeckten, würden sie doch einem dezidierten Anti-Realismus zuneigen.

Diesen Fragen und Annahmen weicht Lamarque aus, was nicht verwundern mag, wenn man sich vor Augen führt, für wie interessant er Narrationen in ihren verschiedenen Formen hält: Sein auch hier waltender Skeptizismus ist eine immer wieder dringend benötigte frische Brise in der regen Debatte um Narrationen, die das Narrative manchmal allzu schnell als ubiquitär feststellt und daraus fälschlicherweise eine vollkommen unhintergehbare Relevanz, wenn nicht sogar anthropologische Grundkategorie ableitet. Alles in allem hält er eine Qualifikation von Narrationen als regelrechtes Axiom unseres Denkens und Handelns (Lamarque selbst z.B. behauptet von sich, ähnlich wie Galen Strawson, eher in Bildern zu denken) für zu weit getrieben und fordert zu Recht eine Differenzierung ein: „There is little intrinsic interest in narrative per se, and I suspect that many narratologists are blind to this because there is intrinsic interest in some narratives.“ (51) Dieses Interesse, das bei Lamarque hauptsächlich literarischen Narrationen gilt (wenngleich man sich auch mit dem Status des Narrativen im Rahmen unserer Kognition auseinandersetzen könnte, wie bspw. Bruner 1991 und 2004), sieht er weniger aufgrund ihrer narrativen als vielmehr wegen ihrer literarischen Verfasstheit (Kapitel 3). Gerade ihre Ubiquität sollte uns nämlich dafür sensibilisieren, dass Narrationen sehr unterschiedlich gestaltet sein können. Schließlich wird die minimale Definition von Narration (s.o.) vielfältig erfüllt; sie benennt nicht mehr als eine Formalie des menschlichen Diskurses, die universal realisiert wird (65). Aufgrund dessen, dass vor dem Hintergrund dieses minimalen Verständnisses eigentlich jeder Diskurs als narrativ zu bezeichnen ist, müssen wir auf die speziellen Formen von Narrationen schauen, zum Beispiel eben in der Literatur (ganz so, wie es Lamarque praktiziert), denn sonst ist das Besondere der Narration schlicht nicht mehr auszumachen.

Was Narrationen untersuchenswert macht, ist aber nicht ihre Ubiquität, sondern ihre jeweils spezifische Verfasstheit (65). Literarische Narrationen sollten deshalb auf keinen Fall als archetypisch gesehen werden. Zudem sollte man berücksichtigen, dass Narrationen nicht identisch mit Fiktionen sind und deswegen auch keine Implikationen für die Fragen nach Referenz, Wahrheitswert oder andere Werte mit ihnen einhergehen. Vor diesem Hintergrund hält Lamarque die Analogie von Lebensnarrationen individueller Personen und literarischer Narrationen für falsch, wenn nicht gar gefährlich (Kapitel 4). Malen wir uns im Rahmen eines Gedankenexperiments aus, welche Wege unser Leben nähme, würden wir es gemäß einer literarischen Narration gestalten, werden schnell absurde (weil einem Plot geschuldete) Konsequenzen, mitunter sogar Gefahren sichtbar.

Literatur, Ästhetik und Psychologie

Literatur sollte daher Literatur und Leben sollte Leben bleiben – sie sind schlicht jeweils eigene Sphären. Lamarque interessieren nach der Klärung solcher grundsätzlichen Fragen den weiteren Kapiteln seines Buches vielmehr spezifischere Problemstellungen und die Konsequenzen seiner oben geschilderten Annahmen, z.B. in Bezug darauf, wie wir fiktive und nicht-fiktive Romane auseinanderhalten können und welche Rolle die Ästhetik sowie die Psychologie im Rahmen literaturkritischer und literaturwissenschaftlicher Betrachtungen spielen sollten.

Abschließend möchte ich kurz auf die beiden letzten Aspekte eingehen. In Bezug auf eine Ästhetik der Literatur (Kapitel 9) plädiert Lamarque dafür, dass klassische Schwerpunktsetzungen „on intrinsic textual properties, on the priority of meaning and on reductive views of plot and character“ (182) unbedingt zu vermeiden seien. Vielmehr wird das Ästhetische der Literatur durch die besondere Form der Aufmerksamkeit, die Autoren und Leser ihr zukommen lassen, konstituiert:

The aesthetic elements identified in literature are not simply well-crafted turns of phrase or expressive images […] but rather emergent qualities that become salient when appropriate attention is directed to works. There is a kind of perception involved in discerning such qualities and ultimately it is a source of pleasure. (182)

Gerade die Frage nach „pleasure“ beschäftige immer auch die Psycholog_innen, wenn über Literatur nachgedacht wird. Doch mehr als das: Es werden Motive, Wünsche, Emotionen, Erwartungen und Überzeugungen anhand von Literatur untersucht. Selbst wenn diese Dinge im Rahmen der Untersuchung von schreibenden Schreiberlingen oder lesenden Lesern interessante Ergebnisse zutage fördern mögen, stellt Lamarque die Frage (Kapitel 10), ob sie eine Rolle in der Betrachtung und Bewertung von Literatur spielen sollten. Seine Antwort fällt klar negativ aus: „they do not and […] should not, at least if literary criticism is to retain its focus on literature as art.“ (185) Damit erteilt Lamarque der Betrachtung der Psyche von Autor_innen eine Absage (was weitgehend Konsens in der modernen Literaturwissenschaft ist), aber er verlangt auch, eine Reduktion auf rezeptionsästhetische Fragen außen vor zu lassen, denn, beide Perspektiven würden in Bezug auf die Frage nach dem, was Literatur ist und was sie wertvoll macht, nicht weiterhelfen. Schließlich geht es beispielsweise bei der Betrachtung von Emotionen innerhalb von Literatur um Emotionen, die zu einem Werk gehören, zum Beispiel zu einer anrührenden Duinenser Elegie von Rainer Maria Rilke, zu den Figuren innerhalb eines Textes (etwa die Verzweiflung von Kleists Kohlhaas), zu einem impliziten Erzähler (in Kleists Der Findling), zu einer bestimmten Szene (in Kleists Das Erdbeben in Chili und der Idyllszene im Mittelteil). Autor_innen und Leser_innen mögen Emotionen haben, während sie produzieren und rezipieren, doch das hält Lamarque, – meiner Meinung nach zu vereinfachend – für schlicht kontingent und – diesmal aber richtigerweise – für irrelevant für den Wert von Literatur. Lamarque rundet sein Buch daher nochmal mit einem Plädoyer ab: „Critical practice is concerned with literary works of art, how they work, what they achieve, what values they exemplify. Responding to a literary work as literature is distinctive, broadly normative, activity.“ (199)

Schlussendlich bleibt festzuhalten, dass Lamarque mit The Opacity of Narrative ein klares und erhellendes Werk über Literatur und Narrationen sowie einigen damit verbundenen drängenden Fragen gelungen ist. Zunächst mögen die Querverweise auf spätere Kapitel sowie die häufigen Wiederholungen von Theorieteilen verwundern. Zudem ist es nicht ganz nachvollziehbar, warum das Buch nicht The Opacity of Literature getauft wurde, spricht Lamarque doch häufig von Literatur an sich, um dann erst auf Narrationen einzugehen (während andere Kapitel direkt von Narrationen ausgehen). Doch diese inhaltlich nur leichte Schiefstellung verdirbt nicht den Eindruck, dass Lamarque alles in allem ein Werk vorlegt, das sich zur grundsätzlichen Beschäftigung mit den Fragen der Philosophie der Literatur und zur Einarbeitung in einige literaturphilosophische Fragestellungen innerhalb der Narratologie durchweg vorzüglich eignet – ob man ihm nun zustimmt oder nicht.

Literatur

Bruner Jerome. „The Narrative Construction of Reality.“ Critical Inquiry 18.1 (1991), 1–21.

Bruner Jerome. „Life as narrative.“ Social Research 71.3 (2004), 691–710.

Elgin, Catherine Z. „Die kognitiven Funktionen der Fiktion.“ In Kunst denken, hg. von Alex Burri und Wolfgang Huemer, 77–90. Paderborn: mentis, 2007.

Gabriel, Gottfried. Fiktion und Wahrheit. Eine semantische Theorie der Literatur. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 1975.

Gaut, Berys. Art, Emotion and Ethics. Oxford: Oxford University Press, 2007.

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