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Adams, Zed; Browning, Jacob: Giving a Damn. Essays in Dialogue with John Haugeland. Cambridge, Massachusetts, London: The MIT Press 2016. 373 Seiten. [978-0-262-03524-8]

Rezensiert von Karl Kraatz (TU Dresden)

Giving a Damn – übersetzt heißt dieser Buchtitel so viel wie: sich um etwas scheren oder etwas eine Bedeutung zumessen. Der originelle Titel entspricht der Originalität des Denkens John Haugelands, einem amerikanischen Philosophen, der im Jahr 2010 verstorben ist. Haugeland gehörte neben Charles Guignon und John Richardson zu einer ersten Generation von Doktoranden von Hubert Dreyfus, die Großes für die amerikanische Heidegger-Forschung geleistet haben.

Der Slogan Giving a Damn verweist auf einen Grundgedanken Haugelands, der in dieser Essaysammlung von zwölf Autor_innen von verschiedenen Richtungen beleuchtet wird. Zusätzlich ist in diesem Buch ein bisher unveröffentlichter Artikel Haugelands zum gleichen Thema abgedruckt. Weniger originell und nicht mehr dem unverwechselbaren Stil Haugelands entsprechend könnte man diesen Slogan in die Frage umformulieren: Inwiefern spielt Subjektivität für die Konstitution von gesellschaftlichen Normen und (wissenschaftlicher) Objektivität eine Rolle? Die Autor_innen, die Essays zu diesem Band beigetragen haben, bezeugen die Wichtigkeit von Haugelands Ansatz, indem sie diesen Grundgedanken Haugelands vertiefen und weiterführen.

Die beiden Herausgeber Zed Adams und Jacob Browning erklären ihr mit der Veröffentlichung des Buches verfolgtes Ziel in der Einleitung deutlich: „We aim to motivate others to read or reread Haugeland not just as a significant figure in cognitive science and philosophy of mind at the turn of the millennium but as a philosopher whose work continues to speak to our central concerns about mindedness today.“ (3) Haben sie dieses Ziel erreicht?

Vieles spricht dafür: Neben der hervorragenden Einleitung der Herausgeber zeugt davon auch die Liste der Autor_innen, die ein Essay zu diesem Buch beigetragen haben. Sie zeigt den Einfluss, den John Haugeland auf seine Kollegen hatte und auch, dass Haugelands Denken immer noch von großer Bedeutung ist und in den Arbeiten seiner Schüler_innen und Freunde fortwirkt. Zed Adams, William Blattner, Jacob Browning, Steven Crowell, Bennett W. Helm, Rebecca Kukla, John Kulvicki, Mark Lance, Danielle Macbeth, Chauncey Maher, John McDowell und Joseph Rouse nehmen in ihren Essays auf Haugelands Denken Bezug, problematisieren es und stellen dessen Aktualität unter Beweis, indem sie die Reichweite der Problemstellungen Haugelands offenlegen.

Die Einleitung führt nicht nur in die nachfolgenden Essays ein, sondern beleuchtet auch zentrale Themen und Probleme von Haugelands Philosophie. Sie ist als allgemeine Einführung in das Denken Haugelands geeignet, dessen wichtigste Themenkomplexe „holism, sociality, embodiment, truth, and commitment“ (2) sind. Jedem Thema ist ein kurzer Abschnitt gewidmet, in denen auf die wichtigsten Texte Haugelands Bezug genommen wird, um die jeweiligen zentralen Thesen und Probleme sichtbar werden zu lassen.

Dass die Welt dem Menschen etwas bedeute, ihn angeht und nicht bloß als neutrales Objekt gegenübersteht – das ist der Gedanke, der für Haugelands Philosophie bestimmend wurde: zunächst in seinen Überlegungen zur Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine und später in seiner genauen Lektüre von Martin Heideggers Sein und Zeit. In Haugelands Stil hieße das: humans always give a damn. Diese umgangssprachliche Wendung – üblicherweise in der Form: „I don’t give a damn!“ gebraucht, also etwa: „Das ist mir völlig egal!“ – bedeutet für Haugeland, dass jede menschliche Handlung uns und den Menschen um uns etwas bedeutet. Jede Handlung ist in einen Kontext eingebettet, sie reiht sich ein in die Pläne, die man für das eigene Leben hat oder stößt sich mit den Plänen Anderer. Man wird Lehrer_in, um Geld zu verdienen, damit man eine Familie gründen und ernähren kann. Oder um sein persönliches Glück darin zu finden, anderen ein Vorbild zu sein. Haugelands Slogan bedeutet keineswegs, dass man für alles, was man tut, einen Plan hat. Es heißt aber zumindest so viel, dass jedes Handeln eine Bedeutung hat, die maßgeblich durch den Kontext gestiftet wird, in welchem dieses Handeln stattfindet.

An diese Überlegung Haugelands knüpfen die anderen Autor_innen aus dem Band an, indem sie beispielsweise die Betonung auf die Verantwortung und Verantwortlichkeit des Einzelnen legten (Blattner und Crowell). Auch die Weiterführung dieser Gedanken hinsichtlich einer Analyse unserer Sprache ist naheliegend und wurde von Rebecca Kukla und Mark Lance in Angriff genommen. Haugeland selbst hat in seiner letzten Schaffensphase hauptsächlich die Frage interessiert, inwiefern sich dieses Phänomen, dass sich die Menschen um etwas scheren, dass ihnen ihr Leben und die Welt etwas bedeutet, auf die Wissenschaft und die Objektivität ihrer Erkenntnisse auswirkt.

Als roter Faden zieht sich durch das ganze Buch die Frage, was es über den Menschen aussagt, dass ihm etwas an seinem Leben liegt. Nach Haugeland unterscheide sich der Mensch darin nicht nur grundsätzlich von Maschinen, sondern „giving a damn“ sei auch Voraussetzung dafür, natürliche Sprachen verstehen und sprechen zu können (11). Es prägt für Haugeland sowohl unser Verstehen von Situationen, die wir immer schon nach Relevanz für uns geordnet haben („Holism“, 3ff.), als auch unsere Sozialität (11f.) und bestimmt unser Selbstverständnis als Person (12f.). Die Frage, was dieses „giving a damn“ ausmacht, führt Haugeland zur näheren Bestimmung der Intentionalität, die den Bezug zur Welt konstituiert (15ff.). Adams und Browning weisen nach, dass für Haugeland Intentionalität immer schon mitbestimmt ist durch den menschlichen Körper („Embodiment“, 20ff.) sowie durch soziale Praktiken und Fertigkeiten, die der Mensch im Laufe seines Lebens erlernt hat (24f., vgl. auch Haugeland 1998). Haugeland argumentiert so gegen den Dualismus von Körper und Seele und mit dem Intentionalitätsbegriff auch gegen einen Dualismus zwischen Innen (Bewusstsein) und Außen (Welt), eine Kritik am Cartesianismus, die für Haugeland eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Ein spannender Gedanke ist Haugelands „beholdenness theory of truth and objectivity“ (26ff.), der schon in „Truth and Rule-Following“ (in Haugeland 1998) ausgearbeitet wurde und im Zusammenhang mit Überlegungen zum Verhältnis von Subjektivität und der Objektivität wissenschaftlicher Erkenntnis entstand:

In short, Haugeland thinks that there is a substantial philosophical problem in showing how it is possible for truth and understanding to be dependent on human social practices while at the same time about an objective world that is independent of how we take it to be. (26)

Haugeland greift damit die Kantische Grundfrage auf: Wie ist es möglich, dass die Gegenstände unserer Wahrnehmung in unserem Bezug auf sie für diesen Bezug als Maßstab, als normatives Kriterium fungieren? Ist der Gedanke von objektiver Wahrheit über die Welt überhaupt haltbar, wenn sich Wahrheit grundsätzlich als abhängig von Subjekten erweist? Wie Kant wird Haugeland damit auf Fragen zur Objektivität der Erkenntnisse der Naturwissenschaften gedrängt, jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, dass er die Betonung auf eine bestimmte (existenzielle) Haltung legt, die wissenschaftliche Objektivität ermöglicht. Das Problem, inwiefern Gegenstände innerhalb unseres Bezugs auf sie noch als Maßstab unseres Erkennens fungieren können, wird also nicht wie bei Kant durch eine Prinzipientheorie des Denkens und den Rückgang auf Urteilsformen gelöst, sondern unter Rückbezug auf eine existenzielle Grundhaltung, auf ein besonderes „commitment“ (36ff.). Haugeland greift hier auf Überlegungen Heideggers zurück. Hat Verantwortung, hat die Endlichkeit des menschlichen Lebens, haben Angst und Liebe etwas mit wissenschaftlicher Objektivität zu tun? Haugeland ist davon überzeugt:

[I]t is because we are willing to risk all, and genuinely open to the possibility of failure, that truth is possible at all. […] It is only because we give a damn that truth, objectivity, philosophy, love, morality, art, and other institutions of human value exist at all. (43)

Haugeland hat diese Gedanken nicht mehr ausführlich darlegen und wie geplant im Kontext einer Neuinterpretation von Heideggers Sein und Zeit ausarbeiten können. Die Ansätze dazu finden sich in dem postum veröffentlichen Buch Dasein Disclosed (Haugeland 2013). Die elf Essays greifen diese Kerngedanken Haugelands auf, indem sie sie problematisieren, vertiefen oder in einen breiteren Kontext einfügen.

Die Essays sind in vier Abschnitte eingeteilt: I. Heideggerian Themes; II. Embodiment; III. Intentionality und IV. Two Dogmas of Rationalism. In letzterem findet sich Haugelands eigener, bisher unveröffentlichter Essay und zwei Erwiderungen von John McDowell und Mark Lance. Als Anhang sind Aufzeichnungen von Haugelands Interpretation der Transzendentalen Deduktion aus Kants Kritik der reinen Vernunft beigefügt. Besonders überzeugend und überaus empfehlenswert sind die Artikel von William Blattner, Stephen G. Crowell und von John Haugeland selbst.

William Blattner thematisiert in seinem Essay „Anonymity, Mineness, and Agent Specificity: Pragmatic Normativity and the Authentic Situation in Heidegger’s Being and Time“ die Entwicklung von Haugelands Interpretation von Sein und Zeit: „Haugeland’s breakthrough insight was to see that what Heidegger calls ‚guilt‘ and ‚conscience‘ are conditions of the possibility of the phenomena analyzed in Division I.“ (55). Blattner greift damit Haugelands Überlegungen zum Zweiten Abschnitt von Sein und Zeit auf. Er stimmt mit (dem späten) Haugeland darin überein, dass sich soziale Normen, das eigene Selbstverständnis als jemand, der oder die eine bestimmte soziale Rolle einnimmt, nur unter Rekurs auf die Perspektive der ersten Person hinreichend begründen lassen: „There is something necessarily ‚first-personal‘ about enacting social positions.“ (67). Bei Haugeland steht für diese Erste-Person-Perspektive der Begriff „(existential) commitment“ oder als Übersetzung von Heideggers Eigentlichkeit „ownedness“ bzw. „authenticity“. Blattner bemüht sich um Klarheit bezüglich dieser Begriffe und um Klarheit bezüglich der (methodischen) Funktion, die die Erste-Person-Perspektive im Zusammenhang des Zweiten Abschnittes von Sein und Zeit übernimmt: Nur der Verweis auf das Schuld- und Gewissensphänomen und damit auf die Erste-Person-Perspektive gebe eine hinreichende Erklärung für die Phänomene, die im ersten Teil des Buches analysiert worden sind. So erkläre sich die Flucht in die Anonymität des Man erst dadurch, dass das Handeln immer schon in einem Raum von Normen und niemals außerhalb dieses Raumes stattfindet. Wie Haugeland geht es Blattner um die Tatsache, dass der Einzelne zum einen verantwortlich gemacht werden kann für sein Handeln und dass er sich, zum anderen, seinem eigenen Selbstverständnis nach verantwortlich fühlt für sein Handeln. Dieses Phänomen der Verantwortlichkeit wird bei Haugeland, Blattner und bei Crowell meist unter dem Stichwort der ‚normativity‘ thematisiert.

Auch Steven Crowells Essay trägt zum Verständnis von Haugelands Grundpositionen bei. Ihm geht es (wie Blattner) um die methodische Bedeutung der Ersten-Person-Perspektive. Crowell weist nach, dass der Rekurs auf die Erste-Person für ein Verständnis grundlegender Phänomene des menschlichen Zusammenseins unabdingbar ist: „the idea that the ‚I-myself‘ is a necessary condition for any understanding of being, thus including the kind of understanding of the being of entities on which truth claims rest.“ (79). Das „I-myself“ ist nach Haugeland und Crowell der Schlüssel zum Verständnis, wie es überhaupt möglich ist, dass Menschen sich von Normativität ‚beansprucht‘ fühlen und dass Gründe für Menschen verpflichtend werden können. Crowell fasst dies als die Möglichkeit des Menschen, nicht nur in „conformity with norms“, sondern eben auch „in light of norms“ (82) handeln zu können:

[T]he problem lies in accounting for the normative force of such norms, how they can get a grip at all such that anything – including Dasein itself as philosopher, father, or physicist – can be measured by them and itself be said to live up to those norms or fail to do so. (85)

Für Crowell ist entscheidend, dass dieses Verhältnis zu Normen eine grundlegende und notwendige Bestimmung des Mensch-seins darstellt: „[B]eholdenness to norms is intrinsic to its being, because Dasein cannot be Dasein without being concerned with success or failure at being, without being an issue for itself.“ (85) Weil der Mensch sich gegenüber Normen verantworten kann und muss, und diesbezüglich immer wieder auch scheitern kann, spricht Crowell von „Competence over Being as Existing“. Im Deutschen sprechen wir von gescheiterten Existenzen. Im Englischen gibt es diesen Ausdruck nicht. Wichtig für Crowell ist jedoch nicht, dass im Leben jedes Einzelnen Fehler unausweichlich sind. Ihm geht es um die Möglichkeit des Scheiterns als einer Grundbedingung der menschlichen Existenz. Weil sich jedes Handeln in dieser Möglichkeitsdimension bewegt, geht es mit einem unausweichlichen Anspruch auf Begründung und Rechtfertigung einher. Crowell spricht von ‚responsibility‘, um deutlich zu machen, dass es in der Rechtfertigung nicht um juristische oder abgeleitet, um erkenntnistheoretische Angelegenheiten geht, sondern immer um das Ganze: um Rechtfertigung der eigenen Existenz. Man muss sein Handeln rechtfertigen. Damit betont Crowell erneut die methodische Bedeutung der Ersten-Person-Perspektive, in erster Instanz immer sich selbst gegenüber. Diese Art der Verantwortung und der Verantwortlichkeit gegenüber Normen setzt nicht erst damit ein, dass man faktisch eine soziale Rolle übernimmt, sondern geht nach Crowell, der diesen Punkt kritisch gegen Haugeland pointiert, jeder faktischen Verantwortung als Bedingung der Möglichkeit voraus (87).

Zuletzt muss Haugelands bisher unveröffentlichtes Essay erwähnt werden: „Two Dogmas of Rationalism“. Thematisch und systematisch knüpft er an die Themen aus Dasein Disclosed (Haugeland 2013) an, also an die Ontologie und Ontologiekritik Martin Heideggers und an Überlegungen zum Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis und Objektivität. Haugeland geht es darum, wissenschaftliche Objektivität in post-rationalistischer und post-theologischer Begrifflichkeit neu zu denken (305). Zu diesem Zwecke sei es nötig, das, was Philosoph_innen unter Epistemologie verstehen, komplett zu überdenken (305f.). Haugelands Vorarbeit zu diesem unvollständig gebliebenen Projekt ist im vorliegenden Essay die Kritik an zwei Dogmen des Rationalismus: zum einen am Dogma des Positivismus und zum anderen am damit zusammenhängenden Kognitivismus. Haugeland plädiert stattdessen für eine postrationalistische Wissenschaft ohne Dogmen (305).

Haugelands Essay ist in sechs Abschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt geht es um eine Beschreibung des ersten Dogmas, also um den Positivismus. Haugeland versteht darunter eine (unhaltbare) These über die Verstehbarkeit der Welt, nämlich dass die Welt sich erschöpfe in dem, was durch Propositionen über sie ausgesagt werden kann. Der zweite Abschnitt erörtert die Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnis vollständig in Propositionen aufgeht oder ob zu ihr nicht notwendigerweise neben dem know-that auch ein (nicht verbalisierbares) Know-How gehört.

Im Folgenden geht es zunächst um die Frage, wie der Positivist wissenschaftliche Gesetze versteht. Haugeland meint, dass in der Orientierung an Aussagen und Propositionen der Blick vorbeigeht an der wissenschaftlichen Praxis, in der die formulierten Gesetze nur dann eine Bedeutung haben, wenn die Forscher_innen ihnen auch de facto eine Bedeutung zumessen:

Propositions themselves, whatever their contents, don’t do anything at all. It is only people – in our case, scientists – who act or take stands. It is they, and only they, who do anything with propositions; and what they do depends in part on the ‚status‘ they accord them. (307)

Haugeland schlägt deshalb vor, an die Sprechakttheorie Austins anzuknüpfen, um insbesondere in der Logik mit der einseitigen Orientierung an Satzgehalten und Propositionen zu brechen und die Aufmerksamkeit auf die performativen Aspekte unseres Sprachverstehens zu lenken. Dies ist auch der Gedanke, der in Haugelands Kritik am Kognitivismus die entscheidende Rolle spielt. Wenn man sich einseitig auf Propositionen konzentriere, bleibe kein Raum mehr für die Phänomene, die unseren Alltag bestimmen und die uns Menschen im Innersten ausmachen. Diesem Reduktionismus will Haugeland eine Vorstellung entgegensetzen, in dem so etwas wie „integrity“ und „responsibility“ einen Platz habe (303). Zu denken ist dabei an Haugelands Ausführungen über existential commitments, die, so betont es Haugeland nochmals, für ein Verständnis der Wissenschaft unabdingbar sei (302).

Im vorletzten Abschnitt geht es um „Scientific Understanding“ (303f.). Hier skizziert Haugeland die Grundzüge seines eigenen Konzepts von wissenschaftlichem Verstehen, das sich nicht auf Propositionen beschränkt, sondern auch Normen und praktische Anwendungsformen anerkennt, die in der Forschung eine Rolle spielen, und sich diesbezüglich von den Dogmen des Rationalismus befreit hat.

Im letzten Abschnitt „Science without the Dogmas“ (305–308) gewinnt diese Skizze ein wenig an Deutlichkeit. Im Fokus von Haugelands Kritik steht immer noch der Reduktionismus, den er dem Positivismus zuschreibt, nämlich dass sich die Verstehbarkeit der Welt erschöpfe in Propositionen, in Tatsachenbeschreibungen. Haugeland thematisiert hier Wahrheit im Sinne von Objektivität. Es geht um ein existenzielles Risiko, das jede_r Forscher_in als Einzelne_r zu übernehmen hat (308). Haugeland bindet wissenschaftliche Objektivität zurück an die Verantwortung der einzelnen Wissenschaftler_innen. Um den Titel des Buches aufzugreifen, könnte man sagen: wissenschaftliche Objektivität kann es nach Haugeland nur geben, if scientists give a damn.

John McDowell greift in seiner Erwiderung diese Thesen Haugelands auf, nicht um sie zu widerlegen, sondern um sie konsistent zu machen. Man müsse beispielsweise den Rationalismus ohne Dogmen nicht post-rationalistisch nennen und es gäbe Auffassungen des Positivismus, die durchaus mit Haugelands Position vereinbar wären: „So there is room for an improved positivism, which we can see as characteristic of an improved rationalism.“ (324) McDowell nimmt Haugelands Text ein wenig die Stoßkraft, weil er in erster Linie nicht die Argumente diskutiert, sondern die Benennungen, mit denen Haugeland arbeitet. McDowell scheint an dem Begriff des Rationalismus zu hängen und meint, dieser sei nur nach der Art zu kritisieren, wie Haugeland dies getan hat, wenn man von vorne herein von einem viel zu engen Verständnis des Rationalismus ausgehe (vgl. 323-324). McDowell präzisiert die historischen Bezüge Haugelands, indem er beispielsweise einen viel genaueren Blick auf Kants transzendentale Deduktion wirft und dadurch ausschließt, dass Kant wie bei Haugeland bedenkenlos als „hero of positivism“ (295) bezeichnet werden kann. McDowell erarbeitet sich so ein moderateres Verständnis von Haugelands sehr starken Thesen. Haugelands Essay war ein Rundumschlag gegen den Positivismus und gegen den Kognitivismus. Folgt man McDowell, geht dabei zu viel verloren. Man könne zwar die performativen Aspekte der Sprache hervorheben, müsse aber sehen, dass jede Art von Performativität ein Verständnis der Funktion von Propositionen voraussetze. So gehe es bei Kant hauptsächlich um die Unabhängigkeit der Gegenstände vom Erkenntnisbezug, die in Haugelands Betonung der Subjektivität, bzw. der wissenschaftlichen Praxis, unterzugehen drohe.

Mit dem Blick auf das ganze Buch und die verschiedenen Essays beeindruckt vor allem die Vielseitigkeit, mit der an das Denken Haugelands sinnvoll angeknüpft wird. Eine Philosophie ohne Dogmen, so scheint es, kann und muss auf Abgrenzungen zwischen den Disziplinen und zwischen Abgrenzungen wie die zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie keine Rücksicht nehmen. In dieser Hinsicht ist es gelungen, einem großen Anliegen Haugelands zu entsprechen. Der Sammelband überzeugt durch die Ausgewogenheit der Beiträge, die eine gute Balance finden zwischen dem Bezug auf Haugelands Philosophie, der Ausführung und Vertiefung zentraler Gedanken Haugelands und der Darstellung eigener Überlegungen. Dieser Sammelband kann als eine kritische Einführung in Haugelands Philosophie gelesen werden. Er zeigt darüber hinaus, wie wichtig das Denken Haugelands für die amerikanische Heidegger-Forschung gewesen ist und auch heute noch ist. Der Untertitel dieses Buches, Essays in Dialogue with John Haugeland, zeigt an, wodurch dieses Buch letztendlich überzeugt: Die Essays sind nicht einfach nur ‚über‘ die Philosophie Haugelands. Sie würdigen Haugelands Denken durch den andauernden Dialog.

Literatur

Haugeland, John. Having Thought. Essays in the Metaphysics of Mind. Cambridge: Harvard University Press, 1998.

Haugeland, John. Dasein disclosed. John Haugeland’s Heidegger. Hg. von Joseph Rouse. Cambridge: Harvard University Press, 2013.

© 2017 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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