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Kirchhoff, Thomas; Karafyllis, Nicole C.; u.a. (Hg.): Naturphilosophie. Ein Lehr- und Studienbuch. Tübingen: Mohr Siebeck 2017. 368 Seiten. [978-3-8252-4769-0]

Rezensiert von Peter Gaitsch (Universität Graz)

Der Naturbegriff ist heute ein philosophisch umstrittener Begriff. In der technologisch globalisierten Zivilisation der Gegenwart liegt die Idee eines „Endes der Natur“ (Hampe 2011), im Sinne eines Endes dessen, was von selbst geschieht, nahe – auch wenn die immer umfassenderen und tiefer reichenden technologischen Eingriffe die von selbst geschehenden Naturprozesse nicht gänzlich aufheben, sondern diese als Basis immer noch voraussetzen. Im Speziellen sind es die neuen ökologischen Fragen und insbesondere der anthropogene Ursprung der Klimaerwärmung, die die alte Begriffsopposition von „Natur/Kultur“ – „Natur“ als die einheitliche unwandelbare Bühne, auf der sich die vielfältigen geschichtlichen Kulturleistungen des Menschen vollziehen – fraglich erscheinen lassen. In diesem Sinne plädiert etwa Bruno Latour in seinem Klima-Buch für eine radikale Rekonzeptualisierung irdischer Verhältnisse, indem er den Naturbegriff zugunsten des Modells eines unüberschaubaren Netzwerks von vielfältigen irdischen Wirkungsmächten verabschiedet (Latour 2017). NaturphilosophInnen werden heute nicht umhinkommen, sich mit dem profunden Zweifel an der Tragfähigkeit des Naturbegriffs auseinanderzusetzen. Im vorliegenden „Lehr- und Studienbuch“ zur Naturphilosophie, das rund 40 kurz gehaltene Beiträge von insgesamt 30 AutorInnen enthält, bekommt dieses Problem jedoch keinen systematischen Stellenwert. Das Konzept des Buches geht davon aus, dass die Rede von „Natur“ sinnvoll ist und bleibt.

Was ist die Aufgabe der Naturphilosophie heute? Die kurze Einführung ins Buch von den beiden hauptverantwortlichen HerausgeberInnen, Thomas Kirchhoff und Nicole C. Karafyllis, grenzt den gewählten Ansatz von einem heute gängigen szientistischen Verständnis von Naturphilosophie (vgl. z.B. Esfeld 2002) ab. Denn jenseits einer Entscheidung für eine szientistische Naturphilosophie oder für eine Rückkehr zu einer „romantischen“ Naturphilosophie gibt es noch andere Optionen. Die zwei zentralen Schlagwörter, die den alternativen Ansatz des vorliegenden Sammelwerks charakterisieren, sind „Relationismus“ und „Pluralismus“. Gemäß dieser Auffassung erscheint Natur immer in Mensch-Natur-Verhältnisse eingebettet. Diese Verhältnisse sind außerdem „plural gestaltet“ (XIII). In diesem Sinne wird der Naturphilosophie die Aufgabe zugesprochen, gegen szientistische Verkürzungen „die Pluralität von Naturwahrnehmungen und Naturdeutungen mit ihren historischen Fundierungen“ (XI) aufzuzeigen, ohne dadurch die Suche nach „Einheit in der Vielheit der Naturzugänge“ (XII) außer Kraft zu setzen. Es geht also um ein „plurales und integratives Verständnis der Naturphilosophie“ (88, vgl. 175), wie es in zwei Beiträgen programmatisch heißt. Dieses Programm einer plural-integrativen Naturphilosophie erscheint mir höchst bedeutsam und an der Zeit. Den pluriformen Mensch-Natur-Verhältnissen widmen sich insbesondere die letzten beiden des in vier Sektionen unterteilten Buches (Sektion III: „Naturverhältnisse“, Sektion IV: „Naturphilosophie in der Praxis“). Demgegenüber sind die ersten beiden Sektionen (Sektion I: „Geschichte und Systematik“, Sektion II: „Grundbegriffe der Naturphilosophie“) konventioneller angelegt.

Im Durchgang durch die vier Sektionen werde ich im Folgenden die mir wesentlich scheinenden Gesichtspunkte skizzieren, bevor ich die Fragen behandle, inwieweit das vorliegende Buch das Programm einer plural-integrativen Naturphilosophie und die Rolle eines Lehr- und Studienbuchs erfüllt.

Sektion I zu „Geschichte und Systematik“ ist einer „Auswahl historisch bedingter Konstellationen naturphilosophischen Denkens“ (3) gewidmet. Die behandelten Konstellationen sind alle innerhalb des abendländischen Naturdenkens angesiedelt und reichen erwartungsgemäß von mythologischen und vorsokratischen Denkfiguren über einige klassische Stationen (u.a. Schöpfungsgedanke, Mathematisierung, Materialismus-Streit, Darwinismus-Streit) bis in die Gegenwart. Die Verkoppelung von „Geschichte und Systematik“ bedeutet, dass der Konzeption der Sektion die Anerkennung der grundlegenden Geschichtlichkeit des Naturdenkens zugrunde liegt, was für die AutorInnen implizit eine Art hermeneutischen Ansatz von Naturphilosophie (Erhellung der Wirkungsgeschichte der heute in der Diskussion verwendeten Naturbegriffe) nahelegt. Die Sektion soll die Wirkungsgeschichte in Form einer Darstellung und Analyse von „Konstellationen“ erhellen. Diese Idee, Naturphilosophie über eine Art von Konstellationsforschung – ein methodisches Programm, von dem man anknüpfend an Dieter Henrichs Studien zum Frühidealismus ein weitaus konkreteres Bild zeichnen könnte (vgl. Mulsow/Stamm 2005) – zu betreiben, halte ich für ausgezeichnet. In diesem Sinne könnte man sich erwarten, dass die Geschichte der Naturphilosophie über hermeneutische Fallstudien von Schlüsselsituationen der Debattenlage abgehandelt wird. In solchen Schlüsselsituationen würden in verdichteter Form diejenigen Weichenstellungen, Ansätze, Ideen, Argumente und Gegenargumente hervortreten, die auch noch für unser heutiges Verständnis prägend sind. Durch deren Resituierung im historischen Entstehungskontext könnten sich zugleich alternative Denkmöglichkeiten erschließen, die uns ohne diese analytische „Durcharbeitung“ verschlossen blieben. Darin würde sich die hohe systematische Relevanz der Analyse philosophiegeschichtlicher Konstellationen bekunden. Dies ist jedoch ein äußerst schwieriges Unterfangen und die meisten Beiträge der Sektion werden diesem anspruchsvollen Analysekonzept leider nur teilweise gerecht. Sie beschränken sich oft auf konventionelle doxographische Darstellungen, die durch ihre Kürze bisweilen oberflächlich und für unkundige Leser verwirrend wirken können (positiv hervorzuheben sind allerdings die Texte von Brigitte Falkenburg und Myriam Gerhard, die mehrere hochinformative und prägnante Beiträge zum gesamten Band beigesteuert haben). Allzu oft bleibt es den überforderten LeserInnen selbst überlassen, aus den vielfältigen historischen Ansichten über die Natur eine systematische Lehre zu ziehen.

Einen Vorschein von der Fruchtbarkeit naturphilosophischer Konstellationsforschung gibt allerdings der Beitrag von Kristian Köchy zum „‚Kampf‘ um die Naturphilosophie“ im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dem er zwischen verschiedenen Verhältnisbestimmungen von Naturphilosophie und Naturwissenschaft seit Schelling einen konstellatorischen Zusammenhang herausstellt. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Sektion I weitere zentrale Konstellationen des Naturdenkens, z.B. die vorsokratische Stiftung des Atomismus und seine Wiederkehr in verschiedenen Gestalten oder den (Neo-)Vitalismus-Streit nach 1900, in ähnlicher Weise wie Köchy wirkungsgeschichtlich behandelt und auf gegenwärtige Problemlagen bezogen hätte. Zwar unterlässt es auch Köchy, ausdrückliche Schlussfolgerungen für ein angemessenes Verständnis von Naturphilosophie heute zu ziehen; aber sein abschließender Hinweis auf Helmuth Plessner, der den Bedarf von metaphysischer Naturphilosophie für die Konsolidierung der Geisteswissenschaften diagnostiziert, scheint in dieser Hinsicht besonders bedeutsam: „Ohne Philosophie des Menschen keine Theorie der menschlichen Lebenserfahrung in den Geisteswissenschaften. Ohne Philosophie der Natur keine Philosophie des Menschen.“ (Plessner 1975, 26; zit. n. 64) Diesem Fokus entspricht das naturphilosophische Programm, dem sich Thomas Nagel in Geist und Kosmos (Nagel 2013) mit großer Resonanz gewidmet hat. Im vorliegenden Buch hat dieser Ansatz jedoch sonst keine Spuren hinterlassen, abgesehen von zwei weiteren, folgenlos bleibenden Erwähnungen von Nagels Werk (XII, 89). Statt mit Nagel zu fragen, was das Auftreten des Geistes innerhalb der Naturerscheinungen für unseren Naturbegriff bedeutet, wird die Aufgabe eher darin gesehen, „Natur in Form von Kategorien des Geistes“ (XII) zu deuten, wie es in der Einleitung heißt.

Sektion II widmet sich den „Grundbegriffen der Naturphilosophie“, das sind „diejenigen Begriffe, die für jede Beschreibung des Gegenstandsbereichs innerhalb des betrachteten Zugangs unerlässlich sind“ (94). Natürlich ist es kontrovers, welche Begriffe als solche Grundbegriffe zu gelten haben, die Sektion will aber eine „repräsentative Zusammenstellung“ (95) bieten. Es werden elf Grundbegriffe behandelt: Den Großteil bilden die heute auch in der physikalistisch orientierten Naturphilosophie üblichen Kategorien („Natur“, „Kosmos und Welt“, „Raum und Zeit“, „Quanten und Felder“, „Materie, Kraft, Energie“, „Naturgesetz, Kausalität, Determinismus“, „Struktur, System, Information“), darüber hinaus gibt es Referenzen auf die theologische Naturlehre („Schöpfung“), die Biologie („Leben“), die Anthropologie („Mensch“) und die Ökologie („Landschaft“). Selbst wenn die Grundbegriffe zugangsrelativ definiert sind, in ihre Systematik also ein irreduzibler Pluralismus eingeschrieben ist, stellt sich im Sinne des Bedürfnisses nach einem orientierenden Überblick dennoch die Frage nach der inneren Systematik der Grundbegriffe. Die Einleitung zur Sektion führt lediglich einige wichtige Klassifikationsmöglichkeiten an (nichtwissenschaftlich/lebensweltlich – wissenschaftlich; praktisch/normativ – theoretisch/deskriptiv; physikalisch – biologisch, vgl. 94f.), vermittelt aber keine weitere Idee davon, wie die zugrunde gelegten Grundbegriffe miteinander zusammenhängen. In welchem naturphilosophischen (erkenntnistheoretischen, metaphysischen) Verhältnis stehen etwa der Schöpfungsgedanke, eine moderne, deflationäre, von Naturgesetzlichkeit entkoppelte Auffassung von Kausalität und die ökologische „Konstruktion“ von Landschaften? Zur Verträglichkeit oder Unverträglichkeit dieser verschiedenartigen Zugangsweisen zur Natur wird in der Einleitung nichts ausgeführt. Damit sind LeserInnen für die Analyse und Begründung der Grundbegriffe an die einzelnen Beiträge verwiesen, aber sie finden sie auch dort zumeist nicht. Denn die Sektion enthält zwar eine Reihe von hochinformativen Beiträgen (insbesondere zur Geschichte bzw. Philosophie der Physik), aber diese erschöpfen sich in der Darstellung und Deutung naturwissenschaftlicher Ergebnisse. Allein die Beiträge von Georg Toepfer („Leben“) und Ralf Becker („Mensch“) widmen sich der kategorialen Arbeit am Begriff, thematisieren begriffliche Ambivalenzen und resultieren in einer weiterführenden Klärung des behandelten Grundbegriffs im Rahmen der Naturphilosophie (dieselben Qualitäten hat auch der Beitrag von Thomas Kirchhoff zur „Landschaft“, allerdings mit der Einschränkung, dass ungeklärt bleibt, weshalb man die Kategorie „Landschaft“ als einen Grundbegriff der Naturphilosophie ansehen sollte). Dies mag auch damit zusammenhängen, dass von einem physikalistischen Ausgangspunkt die der Physik entlehnten Grundbegriffe nicht weiter klärungsbedürftig scheinen, während alles darüber Hinausgehende („Leben“, Geist“) eine besondere naturphilosophische Erklärung verlangt. Doch wäre vom Ansatz einer plural-integrativen Naturphilosophie gerade zu erwarten, dass er in seiner Systematik diese Hegemonie des physikalistischen Blicks bricht, indem er die Beweislasten, d.h. den naturphilosophischen grundbegrifflichen Klärungsbedarf, gleichmäßiger verteilt.

Ein Beleg für die bestehend bleibende Hegemonie des physikalistischen Blicks im Rahmen von Sektion II ist auch die Abwesenheit von biologischen Grundbegriffen (bis auf „Leben“): „System“ ist zwar eigentlich ein biologischer Grundbegriff, aber der biologischen Systemtheorie wird in dem betreffenden Beitrag nur ein – dunkler – Absatz gewidmet (vgl. 149f.). Auch wenn klar ist, dass in kosmologischer Perspektive Lebewesen in der Natur nur „regional“ und quantitativ vernachlässigbar als organische Materie auftreten, sollte das nicht dazu führen, den Phänomenen des Lebens in der Naturphilosophie von vornherein nur eine marginale Rolle zuzuschreiben und die fundamentale und (vermeintlich) universale Schicht der anorganischen Materie in der Natur zum vorherrschenden Thema zu machen. Hier zeigt sich ein mögliches Problem des Naturbegriffs, auf das eingangs mit Latour hingewiesen wurde: Der Naturbegriff hat eine universalistische, von den verschiedenartigen Naturphänomenen abstrahierende Stoßrichtung und ist nicht einfach nur ein neutraler Sammelbegriff für verschiedene Regionen des Natürlichen, die netzwerkartig in Wechselwirkungen existieren. Die Begründung der vor diesem Hintergrund nicht mehr selbstverständlichen Abwesenheit weiterer Kategorien des Lebendigen zöge jedenfalls eine grundsätzliche Klärung des Verhältnisses von „Natur“ und „Leben“ nach sich – eine Problemdimension, die im Buch ausgespart ist. Als prima facie unverzichtbare biologische Grundbegriffe, die in eine plural-integrative Naturphilosophie hineingehören, seien die folgenden genannt: „Evolution“ (die im gesamten Buch auffallend abwesend ist: interne Verweise auf die Behandlung der Evolutionstheorie gehen manchmal ins Leere), „Organismus/Organisation“ und „Ziel/Teleologie“. Für die Phänomene des Geistes innerhalb des Naturzusammenhangs ließe sich überdies eine ähnliche Ausdifferenzierung einfordern – auch in diesem Fall erscheint die alleinige Kategorie „Mensch“ zu unspezifisch.

Auch von Sektion III zu den „Naturverhältnissen“ sollte man eine Begründung der Systematik der Grundbegriffe nicht erwarten. Im Fokus steht nicht ein integratives Verständnis verschiedener Mensch-Natur-Verhältnisse, sondern die „Offenheit“, die „Kreativität“ und „die Buntheit der Bezugnahmen auf Natur“ (174), wie es in der Einleitung zur Sektion heißt. Geboten werden Erkundungen von leiblichen, ästhetischen, theoretischen, experimentellen, haushaltenden, verstehenden, erzählenden, religiösen und geschlechtlichen Naturverhältnissen. Auch der „Natur ohne Menschen“ ist, als „Grenzfall“ (173) eines Mensch-Natur-Verhältnisses, ein Beitrag gewidmet. Sektion III ist nach meinem Dafürhalten der am wenigsten überzeugende Teil des Buches, da hier die Fallhöhe am größten ist: Da in einer plural-integrativen Naturphilosophie die Naturverhältnisse das ganze systematische Gewicht tragen, wären hier Beiträge gefordert, die ausgehend von einem spezifischen Naturzugang einen gehaltvollen Naturbegriff begründen und sich dabei zu anderen Naturzugängen in ein systematisches (sei es metaphysisches, sei es erkenntniskritisches) Verhältnis setzen. Geboten werden dagegen meistenteils Beiträge, die implizit davon auszugehen scheinen, dass der Naturbegriff anderswo schon etabliert wurde, und die sich daher damit begnügen, einige Züge des jeweils behandelten spezifischen Naturverhältnisses zu beschreiben und immanent zu erläutern.

Dabei käme insbesondere den „leiblichen Naturverhältnissen“, die der Beitrag von Nicole C. Karafyllis thematisiert, meines Erachtens ein großes naturphilosophisches Begründungspotenzial zu. Denn der Leib ist, nach einer glücklichen Formulierung von Gernot Böhme, „die Natur, die wir selbst sind“ (Böhme 2011), bzw. die „lebensweltlich begegnende Natur“ (Hampe 2011: 251). Von daher bieten sich leibliche Erfahrungen (mit der für sie charakteristischen Nicht-Dualität, Intentionalität, etc.) nicht nur dazu an, sie als einen spezifischen Zugang zur Natur zu beschreiben, sondern auch dazu, dem Naturbegriff überhaupt erst einen sinnvollen Gehalt zu verleihen (vgl. z.B. die leibzentrierte Biologie bei Hans Jonas (1997), die zu einer biozentrierten Naturphilosophie erweitert werden kann). Ein solcher Ansatz kann, muss aber nicht zu einem naturphilosophischen „Lebensweltfundamentalismus“ (Hampe 2011: 252) führen, wie der verwandte Ansatz von Hampe verdeutlicht. Die Diskussion über die Eignung und die Reichweite des Leibes als naturphilosophischer Grundkategorie sollte integraler Bestandteil eines Beitrags zum leiblichen Naturverhältnis sein.

Die abschließende Sektion IV, unter dem Titel „Naturphilosophie in der Praxis“, behandelt „naturphilosophische Problemkonstellationen im praktischen Umgang mit der Natur“ (257). Gemeint sind damit nicht nur Praktiken, die unmittelbar normativ relevant sind – wie sie die Beiträge zur Ernährungsethik („Natur essen“), zur Pflanzenethik („Grüne Gentechnik“) und zur Tierethik („Kein Honigschlecken“, „Von Wölfen, Hunden und Menschen“) thematisieren –, sondern auch darüber hinaus gehende Praktiken: der Einsatz von Naturerfahrungen in Bildungsprozessen („Natur in Bildung und Erziehung“) sowie weitere Praktiken, denen die „Sehnsucht nach Wildnis“ bzw. das menschliche Interesse an Fragen der naturwissenschaftlichen Kosmologie („Faszination Kosmologie“) zugrunde liegt. Da es wiederum um Mensch-Natur-Verhältnisse geht, ist die Abgrenzung von Sektion III vage. Auch die angeführte Praxis-Definition trägt nicht zur Klärung bei: „Praxis […] wird hier in einem weiten Sinne als Dimension des Handelns inklusive lebensweltlicher Erfahrungen und damit einhergehender Gewohnheiten und Regeln (Praxen) verstanden.“ (257) Damit würde zum Beispiel der Beitrag zu den leiblichen Naturverhältnissen eher in die Sektion IV gehören. Vielleicht wäre es daher überhaupt sinnvoller gewesen, die Beiträge der Sektionen III und IV in (vorrangig) „theoretische“ und (vorrangig) „praktische“ Naturverhältnisse aufzuteilen. Allerdings stellt sich die weitere Frage, welchen Sinn und Stellenwert die in der Einleitung von Sektion IV in Anspruch genommene klassische Theorie-Praxis-Unterscheidung für eine plural-integrative Naturphilosophie überhaupt noch haben kann. Denn wenn die philosophischen Naturbegriffe auf verschiedene Naturverhältnisse gegründet sind, die wiederum in verschiedene menschliche Praktiken eingebettet sind, dann ist die Naturphilosophie bereits in sich praktisch. Allenfalls ließe sich ein engerer Sinn von „praktischer Handlungsorientierung“ konzipieren, der es erlauben würde, zwischen theoretischer Naturphilosophie (Bestimmung der Erkenntniszugänge zur Natur und ihres systematischen Verhältnisses; metaphysische Bestimmung des „Naturganzen“ und seiner „Teile“) und praktischer Naturphilosophie (reflexive Orientierung in spezifischen Handlungsfeldern im Umgang mit „Natürlichem“: Tierethik, Pflanzenethik, Umweltethik, etc.) als zweier komplementärer Typen von Naturphilosophie zu unterscheiden.

Gerade in der Divergenz der Beiträge der Sektion IV tritt hervor, dass das Buch eine rahmengebende Konzeption von Naturphilosophie – oder wenigstens eine Diskussion verschiedener möglicher Konzeptionen – schuldig bleibt. Während etwa der Beitrag von Kristian Köchy („Von Wölfen, Hunden und Menschen. Zur Rolle der Naturphilosophie in der Tierethik“) gerade dem Ziel gewidmet ist, die Unverzichtbarkeit einer metaphysischen Naturphilosophie selbst für Fragen der Tierethik zu begründen, klammert der Beitrag zur „Faszination Kosmologie“ von Claus Beisbart und Brigitte Falkenburg, mit seinem sekundären, anwendungsorientierten Fragefokus (welche praktischen Interessen verbindet der Mensch mit der naturwissenschaftlichen Kosmologie?), die metaphysische Kosmologie, d.h. die klassische Frage nach der „Stellung des Menschen im Kosmos“, gerade aus. Hier scheinen verschiedene Theorie-Praxis-Verhältnisse bzw. Konzeptionen von Naturphilosophie aufeinander zu treffen, deren Nicht-Thematisierung für zusätzliche Verwirrung sorgen kann. Die insgesamt offenbleibende Grundfrage ist die folgende: Ist die Naturphilosophie nur ein Satellit, der um naturwissenschaftliche Erkenntnisse kreist, oder hat sie als metaphysische Naturphilosophie selbst etwas zur Erdung beizutragen?

Damit komme ich auf zwei Grundprobleme, an denen das Buch, ungeachtet seiner sehr begrüßenswerten Programmatik und der Qualitäten vieler seiner Beiträge, meines Erachtens insgesamt leidet. Das erste Problem hängt mit dem oben diagnostizierten Fehlen einer gemeinsamen Konzeption von Naturphilosophie zusammen: Die vielversprechende und anspruchsvolle Idee einer plural-integrativen Naturphilosophie wird im Buch nicht zureichend erfüllt. Dieses Problem umfasst zwei Aspekte.

Erstens wird der relationale Aspekt nicht zureichend erörtert und begründet. In der Einleitung wird, wie gesehen, ein relationistisches Naturverständnis behauptet: „Über Natur kann nur im Rahmen von Mensch-Natur-Verhältnissen […] nachgedacht werden.“ (XIII) Dies führt die beiden AutorInnen der Einleitung dazu, eine temporale Asymmetrie einzuführen: Es sei zwar sinnvoll, von einer Natur „vor uns“ und mit uns zu sprechen, nicht aber von einer Natur „nach uns“ und „ohne uns“ (denn auch die Natur nach/ohne uns ist ein Grenzfall von einer Natur, die vorstellungsmäßig „mit uns“ ist). Diese Andeutungen, die man als eine implizite Abgrenzung vom spekulativen Realismus neueren Datums verstehen kann (vgl. die Erwähnung von Meillassoux 2008 in 249), sind nicht hinreichend, um den metaphysischen Stellenwert der Relation von Mensch und Natur, wie ihn die plural-integrative Naturphilosophie offenbar in Anspruch nehmen möchte, zu verstehen. Oder ist die Relation von Natur und Mensch bloß eine Relation unter anderen, die innerhalb der Natur vorkommen? Wenn hingegen zur plural-integrativen Naturphilosophie gehört, Natur in einen „Sinnhorizont“ (XIII) einzubetten, bedeutet das, dass die Sinnrelation alle naturalen Relationen fundiert? Wie wäre aber ein solcher Vorzug des Sinns, die Intelligibilität der Natur, metaphysisch zu begründen? Setzt die plural-integrative Naturphilosophie in dieser Hinsicht einen „objektiven Idealismus“ voraus oder gibt es eine alternative (eventuell nicht metaphysisch, sondern bescheidener erkenntnistheoretisch begründete) Konzeption, die den Relationismus des Naturdenkens absichern kann? Diese und ähnliche Fragen bleiben ungeklärt.

Der zweite unerfüllte Aspekt der plural-integrativen Naturphilosophie ist der integrative Aspekt. Auch wenn die Pluralität nicht zu „Beliebigkeit“, sondern nur zu „Flexibilität“ führen soll (vgl. 4, 89), ist fraglich, wie man der Beliebigkeit entgeht, wenn man den einheitsstiftenden, integrativen Gesichtspunkt, der die Beiträge des Buches zusammenhält, nicht thematisiert. Die Erfüllung des integrativen Aspekts würde eine systematische In-Verhältnis-Setzung der verschiedenen Naturverhältnisse verlangen, die das Buch aber nicht bietet. Ohne diese grundsätzliche Erwägung droht die Rede von „Natur“ zu einer Leerformel zu werden.

Das zweite Grundproblem ist mit dem Anspruch der HerausgeberInnen verbunden, ein „Lehr- und Studienbuch“ zu liefern. Zwar gehen sie zu Recht vom Desiderat nach Übersicht und Orientierung aus, wenn sie eine „Vakanz historisch-systematischer Überblicksdarstellungen zur Naturphilosophie“ (XV) diagnostizieren. Aber es bestehen Zweifel, ob das Buch dieses Desiderat erfüllt: Einige Beiträge hätten eine substanzielle Überarbeitung nötig, damit Studierende mit klaren, begründeten, diskutierbaren Aussagen konfrontiert würden. Das oben erwähnte Fehlen einer durchartikulierten Konzeption von Naturphilosophie trägt das Ihre zur Mehrung der Verwirrung bei. Für den akademischen Unterricht scheinen mir einzelne hervorragende Beiträge heranziehbar; zum Selbststudium ist das Buch eher weniger geeignet. Die immense Schwierigkeit, heute ein Naturphilosophie-Lehrbuch zu verfassen, mag übrigens damit zusammenhängen, dass das Fach kein klares Profil mehr hat und dass es daher kaum etabliertes naturphilosophisches Lehrbuchwissen in einem größeren Zusammenhang mehr gibt. Daraus erklärt sich vielleicht die unbeabsichtigte szientifische Tendenz des vorliegenden Buches: Manche Beiträge beschränken ihre Ausführungen auf das wissenschaftsnah Unstrittige, um der Lehrbuch-Aufgabe gerecht werden zu können. Generell wird auf doxographische Darstellungen gesetzt, um das Problem zu umgehen. Ich fürchte jedoch, dass man beim heutigen Zustand des naturphilosophischen Fachgebiets nicht darum herumkommt, systematische Risiken in Kauf zu nehmen – was aber natürlich zur Absicht ein Lehrbuch zu liefern in Spannung steht.

Literatur

Böhme, Gernot. „Der Begriff des Leibes: Die Natur, die wir selbst sind.“ Deutsche Zeitschrift für Philosophie 59.4 (2011), 553–563.

Esfeld, Michael. Einführung in die Naturphilosophie. Darmstadt: WBG, 2002.

Hampe, Michael. „Geteilte Natürlichkeiten. Ein naturphilosophischer Versuch.“ In ders.: Tunguska oder das Ende der Natur. München: Hanser, 2011, 221–289.

Jonas, Hans. Das Prinzip Leben. Ansätze zu einer philosophischen Biologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.

Latour, Bruno. Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Berlin: Suhrkamp, 2017.

Meillassoux, Quentin. Nach der Endlichkeit. Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz. Zürich/Berlin: diaphanes, 2008.

Mulsow, Martin; Stamm, Marcelo (Hg.). Konstellationsforschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.

Nagel, Thomas. Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Berlin: Suhrkamp, 2013.

Plessner, Helmuth. Die Stufen des Organischen und der Mensch: Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin/New York: de Gruyter, 1975.

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