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Bamford, Kiff: Jean-François Lyotard. London: Reaktion Books 2017. 176 Seiten. [978-1-78023-808-1]

Rezensiert von Rieke Trimçev (Universität Greifswald)

Der an der Leeds Beckett University lehrende Künstler und Kunstwissenschaftler Kiff Bamford hat eine in der englischsprachigen Welt bereits hochgelobte intellektuelle Biographie von Jean-François Lyotard vorgelegt. Dem Urteil bisheriger Rezensenten kann ich mich nur anschließen: Sein 150-seitiges Buch ist zugänglich genug, dass es Studierende für eine Hausarbeit über Lyotard konsultieren können; und es ist im Inhalt so aufschlussreich und in der Form so überzeugend, dass es alle, die sich professionell mit Lyotards Werk auseinandersetzen, von nun an konsultieren müssen.

Dabei stand Bamford vor keiner einfachen Aufgabe, und das nicht nur, weil bisher noch keine umfassende biographische Darstellung zu Lyotard und seinem Werk vorliegt, die Orientierung geboten hätte. Die Schwierigkeiten lassen sich vielleicht am besten an der vermeintlich unverfänglichen Selbstauskunft der Reihe „Critical Lives“ des britischen Verlages Reaktion Books ablesen: „Titles in the series Critical Lives present the work of leading cultural figures of the modern period. Each book explores the life of the artist, writer, philosopher or architect in question and relates it to their major works.“ Lässt man die Evokationen von Autorität und Moderne des ersten Satzes einmal als Phrasen beiseite, so liegt das Kernproblem für ein Buch über Lyotard in dem kleinen Worte ‚und‘, das im zweiten Satz Leben und Werk verbindet. Denn es suggeriert eine selbstverständliche Verbindung zwischen beiden, einen Übergang zwischen dem biographischen Narrativ und jenem, das sich aus einer Sequenz von Texten zu ergeben scheint. Aber ‚erklärt‘ das Leben die Werke? ‚Beantwortet‘ die Lebensgeschichte eines Autors die in seinen Texten klaffenden Fragezeichen? Oder ‚illustriert‘ das Leben die Maximen des Werkes? „Comment enchaîner?“, möchte man mit dem zentralen Satz aus Lyotards Der Widerstreit (1989 [1983]) fragen.

Kiff Bamford hat sich diese Frage offensichtlich immer wieder gestellt, und er bietet uns im Laufe seines Buches sehr unterschiedliche Antworten an, die allerdings allesamt ein zentrales Anliegen haben. Er widersteht durchgehend der Versuchung, mit Hilfe von Hintergründen oder Anekdoten aus Lyotards Leben nun endlich das in Worte zu fassen, auf das seine Veröffentlichungen zeigten, aber das sie nicht sagten. Vielmehr setzt Bamford das biographische Narrativ dazu ein (und ja, auch anekdotenhungrige Leser*innen kommen dabei auf ihre Kosten), diese konstitutive Spannung zwischen dem, was in den Texten repräsentiert wird, und dem, was dabei auch präsent ist, aber nicht repräsentiert werden kann, einer Generation von Leser*innen erfahrbar zu machen, die in einer immer größeren zeitlichen Distanz zu den Kontexten Lyotards Schaffen stehen. Es ist nicht nur der künstlerische Hintergrund des Autors, der ihn dazu besonders befähigt, sondern vielleicht auch eine gewisse Vorsicht, die durch viele Zeilen hindurchscheint, und die den Eindruck eines Autors vermittelt, der Bescheidenheit über Neugierde stellt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass er nicht tief in das Leben von Jean-François Lyotard eingedrungen wäre. Ebenso ausführlich (wenn nicht ausführlicher) als die gut zugänglichen Bücher von Jean-François Lyotard zitiert Bamford weniger bekannte Texte und Interviews. Er hat für seine Recherchen den Nachlass von Lyotard in der Bibliothèque littéraire Jacques Doucet in Paris gesichtet und Gespräche mit Lyotards Töchtern Laurence Kahn und Corinne Enaudeau sowie mit seiner zweiten Ehefrau Dolorès Lyotard geführt. Es würde überraschen, wenn Bamford nicht noch eine beträchtliche Menge Material für eine ausführlichere Biographie besäße, das in dem knappen Format der „Critical Lives“ keinen Platz fand.

Das Buch ist in insgesamt neun kurze Kapitel gegliedert, die sich nicht nach den Hauptveröffentlichungen von Lyotard richten, sondern nach den unterschiedlichen, für Lyotards Schreiben wichtigen Kontexten. Der Autor möchte so der Breite von Lyotards Schaffen gerecht werden (58) und gerade auch dem angloamerikanischen Publikum die Bedeutung von Lyotards „active militancy“ (57) verständlich machen. Selbst ein mit „A report on knowledge“ betiteltes Kapitel bietet dem Leser daher weniger eine ausführliche Darstellung des Buches Das postmoderne Wissen (Lyotard 2015 [1979]), sondern nimmt seinen Ausgangspunkt in Veränderungen an der Universität Paris VIII, an der Lyotard nach Stationen an der Sorbonne und in Nanterre lehrte, sowie in seiner stärkeren Rezeption und Präsenz in den Vereinigten Staaten. Dem Buch Das postmoderne Wissen wird so gerade eher ein Randstatus zugewiesen, in einem berechtigten Versuch, Rezeptionsgeschichten zu hinterfragen. Wenn es einen Titel gibt, dem Kiff Bamford dagegen eine größere Leserschaft wünscht, dann ist es Discours, Figure (Lyotard 1971), das auch bereits im Fokus seiner Doktorarbeit stand (Bamford 2012).

Bereits das erste Kapitel ist charakteristisch für Bamfords Schreibweise: „Openings“ (12–26) stellt eine knappe Darstellung der wichtigsten Koordinaten von Lyotards Kindheit neben eine Einführung seines später geprägten Konzepts der enfance, und spiegelt die gewählte Darstellungsweise in den methodischen und dramaturgischen Entscheidungen von Lyotards eigenen biographischen Buches Gezeichnet: Malraux (2001 [1996]). Obwohl das Buch von Kiff Bamford scheinbar chronologisch voranschreitet, wird seine Erzählung so tatsächlich von vielen nicht-chronologischen Linien durchzogen.

Besonders spannend lesen sich die Kapitel 2 und 3, die Lyotards Studienjahre und ersten beruflichen Stationen an der École militaire préparatoire d’Autun im Burgund, am Lycée d’Aumale im algerischen Constantine und am Prytanée National Militaire schildert, einem lycée für die Kinder von Armeeangehörigen im Pays de la Loire. Zwar wird an einigen Exkursen zu als bekannt vorauszusetzenden Merkmalen des französischen Bildungssystems deutlich, dass es nicht immer einfach ist, zugleich für ein Publikum von Experten und Nicht-Experten zu schreiben. Wichtiger ist jedoch, dass die Darstellungen die vielen Loyalitätskonflikte aufzuzeigen vermögen, in denen Lyotard stand, insbesondere jene, die mit seiner Parteinahme für die Sache der algerischen Unabhängigkeit zusammenhingen. Bamford gelingt es in diesen Kapiteln gut zu zeigen, dass Lyotard nicht ein frühes politisches Engagement für eine spätere postmoderne Skepsis eintauschte, sondern dass auch schon seine frühen Parteinahmen und deren Reflexion im Schreiben die Wirklichkeit solcher Konflikte prägt, die sein „philosophisches Buch“ als Widerstreite (différends) analysieren wird. Tatsächlich ist das Buch Der Widerstreit in vielen Kapiteln anwesend, ohne dass dadurch der Eindruck entstünde, dass alles auf dessen Analyseperspektive hinausliefe. Gerade mit dem Zusammenhang zwischen Lyotards Positionen zu Algerien und dem Widerstreit hat Bamford endgültig ein Thema auf die Agenda der zukünftigen Lyotard-Forschung gestellt, das von James Williams (2000: 9ff.) bereits angedeutet worden war, zu dem aber meines Wissens noch keine eingehende Studie vorliegt.

Lyotards Positionen zur Ästhetik werden in Bamfords Darstellung nicht zu verkomplizierenden Wendungen eines immer politisch bleibenden Denkens, sondern lesen sich sehr verständlich. Es ist zu hoffen, dass diese interdisziplinäre Übersetzungsleistung fortwährende Berührungsängste mit dem Vermächtnis eines politischen Theoretikers abzubauen hilft, der noch immer zu häufig durch akademische Aufmerksamkeitsraster fällt (9).

Kiff Bamford ist im Schreiben offensichtlich um Treue zu den Einsichten von Jean-François Lyotard bemüht. Das gelingt mal weniger gut, so wie wenn er im Vorwort („Warnings“) huldigend tiefstapelt: „As Lyotard doubted the assumptions made of his own authority as a philosopher […], I will similarly declare my own lack of authority in this introduction. I am neither French, nor a philosopher.“ (8) Ein zu bereitwillig imitiertes Beispiel wird auch zur Autorität. Viel besser gelingt es Bamford meiner Meinung nach im Geiste Lyotards zu schreiben, wenn er immer wieder die Kontexte und die Rahmenbedingungen offenlegt, in denen er recherchiert und schreibt (z.B. 57, 104), und sich dabei auch nicht scheut zuzugeben, welche (vielleicht zentralen) Quellen er nicht konsultierte (in diesem Fall den Soundtrack zur von Lyotard ko-kuratierten Ausstellung Les Immatériaux, 106). So wird die Leinwand von Bamfords Biographie selbst sichtbar und Teil des Bildes. Am meisten aber überzeugt mich die Handhabung des Versprechens auf dem Einband, der vorliegende Band käme „with 28 illustrations“, ein Versprechen, das wohl den noch zögernden, aber schon neugierigen Leser zum Buchkauf treiben soll. Innen finden sich ikonische Portraits neben einem Klassenfoto oder Konferenzschnappschüssen. In nicht wenigen Fällen aber entzieht sich Lyotard dem Blick, sei es, weil sein Gesicht auf einem späten Familienfoto nur verschwommen zu sehen ist, weil das Cover einer Ausgabe von Socialisme ou Barbarie seinen Namen nicht enthält oder weil sich „Herr J.-F. Lyotard einer Abbildung seines Gesichtes verweigert“ (122), wie im Falle der Reproduktion einer weißen Magazinseite, die ein Interview mit Lyotard im Sommer 1970 begleitete. Hier geht es nicht um eine simple Ablehnung von Repräsentation, sondern um eine konkrete Reflektion dessen, was präsentiert wird, und dessen, was dabei nicht repräsentiert werden kann. Das macht Kiff Bamford eindrücklich mit einem Bild zweier Bücher von Lyotard aus dem Jahr 1973 erfahrbar, das auf den ersten Blick zwar wie ein Foto wirkt, sich auf den zweiten Blick allerdings als eine Bleistiftzeichnung des Autors entpuppt. Was soll das?, fragt man sich unwillkürlich – und ist mittendrin in typisch lyotardschen Fragen. Warum eigentlich hatten wir ein Foto als Echtheitsgarant erwartet? Was bietet die Zeichnung, in der wir noch die Bewegung des Bleistifts sehen, und die uns die Buchecken so abgegriffen und den Buchdeckel sich rundend zeigt, dass man am liebsten ins Bild hineingreifen möchte? Was bieten uns beide, Foto und Zeichnung, nicht? Was für ein Satz kann auf die Antwort auf diese Frage folgen?

Die Gefahr einer Einführung ist, bei den Leser*innen die Versuchung zu erwecken, eine Abkürzung zu den Texten eines Autoren oder einer Autorin zu finden, oder noch schlimmer: um sie herum. Das hier besprochene Buch ist zwar kurz, ist aber als Abkürzung angenehm ungeeignet. Es ist schlicht und einfach ein sehr gutes Buch, das wir auch zur Hand nehmen sollten, wenn wir Jean-François Lyotard lesen. Und sollten wir im Anschluss an diese Lektüren über Lyotard schreiben wollen, wird uns Kiff Bamford daran erinnern, dass ein guter Text über den französischen Philosophen nicht nur in seinem Inhalt überzeugen muss, sondern auch in der Art und Weise, wie er Inhalt und Form zueinander in Beziehung setzt.

Literatur

Bamford, Kiff. 2012. Lyotard and ‚the figural‘ in Performance, Art and Writing. London/New York: Continuum.

Lyotard, Jean François. 1971. Discours, Figure. Paris: Klincksieck.

Lyotard, Jean François. 2015 [1979]. Das postmoderne Wissen: ein Bericht. Wien: Passagen Verlag.

Lyotard, Jean François. 1989 [1983]. Der Widerstreit. München: Fink.

Lyotard, Jean François. 2001 [1996]. Gezeichnet: Malraux. München: dtv.

Williams, James. 2000. Lyotard and the Political. London: Routledge.

© 2019 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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