Artikel als PDF herunterladen

Brown, Wendy: Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Berlin: Suhrkamp 2018. 260 Seiten. [978-3-518-58715-7]

Rezensiert vom undercolloquium

Im Haushaltsstreit mit den Demokrat*innen schrieb US-Präsident Donald Trump am 18. Dezember 2018 auf Twitter:

The Democrats, are saying loud and clear that they do not want to build a Concrete Wall – but we are not building a Concrete Wall, we are building artistically designed steel slats, so that you can easily see through it…

… It will be beautiful and, at the same time, give our Country the security that our citizens deserve. It will go up fast and save us BILLIONS of dollars a month once completed! (Trump 2018)

Trump betonte also, dass die von ihm versprochene Mauer an der Grenze zu Mexiko für die Sicherheit der nationalen Bevölkerung notwendig, wirtschaftlich sinnvoll und darüber hinaus auch noch ästhetisch sei. Mit dieser Sichtweise stößt er allerdings auf vehemente Gegenwehr: Die Uneinigkeit über Sinn und Finanzierbarkeit einer solchen Mauer führte wenige Tage später zum bisher längsten Government Shutdown in den USA und darauffolgend sogar zur Proklamation des nationalen Notstandes durch Trump. So absurd die Argumente und die Polemik in dieser Auseinandersetzung oft erscheinen, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Forderung nach Mauern in der politischen Debatte aktuell ist – und vermutlich auch bleiben wird.

Schon 2010 hat die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown diese Entwicklung thematisiert. Vor fast zehn Jahren ist Mauern im englischen Original erschienen; dem deutschsprachigen Publikum liegt der Text nun mit einem neuen Vorwort seit 2018 vor. In ihrem Buch stellt Brown die provokante These auf, dass physische Grenzbefestigungen nicht halten, was sie versprechen: Mauern könnten das, was als unerwünscht wahrgenommen wird, nicht aussperren. Das wirft nach Brown die Frage auf, weshalb der „öffentlich zu vernehmende Wunsch nach Mauern“ (49) immer mehr Ausdruck findet, obwohl ihre Funktionalität doch immer fragwürdiger erscheint. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, deutet Brown als Phänomen einer in die Krise geratenen nationalstaatlichen Souveränität. Mauern stellten „dramatische Inszenierungen“ (10) dar, die einer verunsicherten Bevölkerung die Beständigkeit von nationalstaatlicher Identität und Autonomie suggerieren: „Statt Ausdruck einer wiederauflebenden Souveränität des Nationalstaats sind die neuen Mauern Ikonen seines Untergangs“ (46).

Wendy Brown entwickelt ihre Argumentation in vier Kapiteln, die auf verschiedene Weise den Zusammenhang von Mauern und Souveränität thematisieren und das Phänomen des Mauerbaus immer wieder aufs Neue einzukreisen versuchen. Während die Autorin im ersten Kapitel Mauerbauprojekte der letzten 20 Jahre wie etwa in Israel und den USA als singuläre geschichtliche Phänomene (50) beschreibt, untersucht sie Mauern im zweiten Kapitel mit Rekurs auf Hobbes’ und Schmitts Begriffe der Souveränität. Im dritten Kapitel reflektiert sie den Zusammenhang von staatlicher und subjektiver Souveränität, um die theatrale Funktion des Mauerbaus nachzuvollziehen. Das vierte Kapitel zielt letztlich darauf, den Annahmen zu Souveränität, Furcht, Abgrenzung und Abwehr eine psychoanalytische Fundierung „aus der Warte eines Subjekts“ (167f.) zu geben.

Theater der Grenzen

Brown beginnt ihren Argumentationsweg mit dem Aufweis der grundsätzlichen Erklärungsbedürftigkeit der neuen Maueranlagen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. In einer Welt, die bestimmt ist von der neoliberalen Entgrenzung des Handelsverkehrs, von dem „Universalsystem der Demokratie“ (40) und dem Primat virtueller Machtstrukturen, wirke der Wunsch nach aus Beton errichteten Begrenzungsanlagen rückständig – „Warum physische Mauern im einundzwanzigsten Jahrhundert?“ (9).

Browns Strategie besteht darin, dieses vermeintlich paradoxe Phänomen durch ihr Konzept der „postwestfälischen Ordnung“ (42) als Reaktion auf eine schwindende nationalstaatliche Souveränität lesbar zu machen. Während die westfälische Ordnung traditionell die Idee eines internationalen Systems autonomer Territorialstaaten bezeichnet, versteht Brown unter „postwestfälisch“ die Tatsache, dass Nationalstaaten heute keine glaubwürdige Projektionsfläche für die Fiktion der Souveränität mehr böten, der Wunsch danach aber gleichzeitig wirkmächtig bleibe. „Die Vorsilbe ‚post‘ zeigt [...] eine Formation an, die dem, dem sie vorangestellt wird, zwar zeitlich nachgeordnet, aber nicht enthoben ist“ (42). Brown macht somit ein globalisierungstheoretisches Argument. Für sie verschwinden Staaten nicht als Akteure von der Bildfläche, sie verlieren allerdings an Entscheidungshoheit. Statt zu agieren, reagierten sie zunehmend auf Erfordernisse der Kapitalmärkte. Es finde also insofern eine Verschiebung statt, als politische Souveränität von den Staaten zunehmend auf das Kapital übergehe (107).

Vor diesem Hintergrund meint Brown, trotz der unterschiedlichen Entstehungskontexte, Anlässe und Zielsetzungen von Mauern, eine ihnen gemeine Logik ausmachen zu können: Mauern funktionieren nicht wirklich im Sinne einer effektiven Abschottung, sondern rufen das Imaginarium souveräner Macht auf (50ff.). Neu sei an ihnen zudem, dass sie sich nicht mehr gegen andere Staaten, sondern gegen Individuen richteten. Bei den ‚neuen Mauern‘ gehe es daher nicht so sehr um die tatsächliche Abwehr einer unterstellten Gefahr als vielmehr um die Symbolwirkung, die sie für die Bevölkerungen haben. „Dies kann“, so Brown, „von allen Mauern gesagt werden, die von staatlicher Seite in den vergangenen zwei Jahrzehnten errichtet worden sind“ (51).

In der Folge untersucht Brown in Bezug auf die Theorien von Hobbes und Schmitt das schicksalhafte Verhältnis von Souveränität und Grenzbefestigung. Über Schmitt rekonstruiert sie dabei eine theoretische Traditionslinie, die betont, dass – ebenso wie eine grundlegende politische und rechtliche Ordnung einen räumlichen Geltungsbereich erfordert – auch die Souveränität eine raumzeitliche Endlichkeit voraussetzt (75–81). Souveränität zeichnet sich nach Brown dadurch aus, dass diese unteilbar und nicht übertragbar ist, und dass sie die grenzziehende Entscheidung über Freund und Feind sowie Norm und Ausnahmezustand zu treffen vermag (86f.).

Laut Wendy Brown waren bislang Nationalstaaten diejenigen Instanzen, die als alleinige Träger der Souveränität galten. Die Glaubwürdigkeit dieser Vorstellung erodiere allerdings zunehmend in Folge der Globalisierung und Neoliberalisierung. Doch nicht nur die Staaten, auch die Subjekte seien direkt von dieser Entwicklung betroffen. Zwar werden Staat und Subjekt bei Brown als getrennte Ebenen gefasst, sie bedingten sich aber gegenseitig und produzierten in ihrem Wechselspiel die Bedeutung von Mauern (126). Staatliche Diskurse um Mauern konstituierten auf der einen Seite die Affekte der einzelnen Subjekte, auf der anderen Seite würden auch die „Staaten notwendig von populären Bedürfnissen und Fantasien geprägt und begrenzt“ (127). Entgegen bestehender Überzeugungen lässt sich die Bedeutung von Mauern für Brown also keineswegs allein durch die faktische Funktion fassen, die sie erfüllen oder erfüllen sollen. „Eine Mauer als solche hat keine intrinsische oder feststehende Bedeutung oder Signifikanz“ (127). Um das Phänomen des Mauerbaus zu verstehen, müsse vielmehr dessen Kontext, dessen Bedeutung im Diskurs und dessen subjektkonstituierende Wirkung analysiert werden (126).

Im Hinblick auf den vorherrschenden liberalen Diskurs, der den Staat als Garanten für Sicherheit und Überleben seiner Bürger*innen ausweist, erscheine das Schwinden der nationalstaatlichen Souveränität den Subjekten als existenzielle Bedrohung (127). Entscheidend sei deshalb die symbolische Wirkung, die der Mauer-Diskurs für die verunsicherten Subjekte hat: „[O]ft sind sie nichts anders als eine wahnsinnig teure politische Geste, eine Beruhigungspille für bestimmte Wählerschaften, Symbole für das, was ängstigt, aber nicht zu bändigen ist“ (145).

Aber warum üben gerade Mauern eine beruhigende Funktion für die Subjekte aus? Diese Frage nimmt Brown auf, indem sie die Perspektive des Subjekts psychoanalytisch zu erklären versucht. Dabei rekurriert sie auf Sigmund und insbesondere Anna Freuds Theorie der Abwehrmechanismen: Um sich der auftretenden existenziellen Ängste zu erwehren, die das Selbstbild und die Identität infrage stellen würden, führen Individuen Formen der Abwehr ein. Solche Abwehrmechanismen haben nach Anna Freud eine wesentliche Bedeutung innerhalb der Subjektkonstitution. Dabei wird bestimmten Objekten eine spezifische Abwehrfunktion verliehen, die Subjekte davor schützen, mit der Angst vor Schutzlosigkeit konfrontiert zu werden. Mauern und die mit ihnen verbundenen Fantasien ermöglichen, an der Vorstellung einer existierenden nationalstaatlichen Souveränität und nationalen Identität festzuhalten (200). Sie werden dabei zu einem Fetisch: „Das Ich wird allmählich von diesen Abwehrmechanismen definiert und nicht bloß von ihnen geschützt, weshalb es sich auch verbissen weigert, sie einer kritischen Revision zuzuführen“ (200). Mit anderen Worten, die scheinbar rationale Forderung nach Mauern wird als pathologisches Verlangen gefasst.

Strategische Diskursverschiebung

Das Bündel an Thesen, das Brown im Verlauf dieser Argumentation vorstellt, muss als strategische Diskursverschiebung interpretiert werden. Es verdeutlicht, dass gerade der affektreich geführte Diskurs um Mauern häufig fehlgeht. Einerseits, so bemängelt Brown wiederholt, werden Mauern beständig nur als Stifterinnen von Sicherheit diskutiert und legitimiert. Dabei verliert sich der kritische Blick für ihre ambivalenten Wirkungen. Überall dort, wo Mauern entstehen, bilden sich neue Herde der Unsicherheit: sie bieten Anlass für eine Intensivierung gewalttätiger Konflikte wie etwa in Israel; ummauerte Grenzräume entrechtlichen sich zunehmend durch Schmuggel, organisierte Kriminalität und die Anwesenheit paramilitärischer Grenzschutzkampagnen (174f.); Mauerbauprojekte bergen unkalkulierbare Kosten, bedeuten oftmals den ökonomischen Niedergang der Grenzregionen, und führen nicht zuletzt zu einer symbolisch-materiellen Verstetigung von Angst- und Bedrohungsszenarien (195f.).

Doch nicht nur in dieser Hinsicht scheint Browns Intervention gewinnbringend. Eine durchaus überzeugende Pointe liefert sie mit ihrer These, nach der gerade die symbolische Funktion von Mauern auch mit einer problematischen subjektivierenden Wirkung verbunden ist. So setzt die Inszenierung der Souveränität auf ein xenophobes Verständnis von nationaler Identität und Sicherheit. Erneut beschwört sie gewissermaßen eine „Bunkermentalität“ (74) und ein schematisches Wir-Sie-Denken, das nach dem Zerfall der Sowjetunion überwindbar schien. Mauern sind demnach nicht nur als Produkte eines vorgängig bestehenden Nationalismus und Rassismus zu deuten, sondern sie aktivieren, mobilisieren und verstärken diese vielmehr (149): „Mauern […] können nicht abwehren, ohne zugleich einzusperren, können nicht schützen, ohne Versicherheitlichung zur Lebensform zu machen, können kein äußeres ‚sie‘ definieren, ohne ein reaktionäres ‚wir‘ zu produzieren“ (73). Auch mit dieser Argumentation eröffnet Brown eine Perspektive auf den Mauerbau, die in der vor allem auf sicherheits- und wirtschaftspolitische Aspekte zentrierten Debatte verschlossen bleibt. Hieran zeichnet sich deutlich ein politisches und strategisches Anliegen der Autorin ab, das darin besteht – gerade auch bei einem breiten, nicht-akademischen Publikum – bestehende diskursive Gewissheiten zu verunsichern.

Komplexität ‚neuer Mauern‘

Eine nicht unerhebliche Frage in diesem Rahmen ist, wie weit die theatralitätspolitische Grundthese von Mauern trägt, besonders angesichts der Entwicklung zwischen dem ersten Erscheinen des Buches in den USA und seiner Neuauflage in deutscher Sprache. Genau dies problematisiert Brown selbst in ihrem Vorwort zur Neuauflage. Lässt sich, so fragt sie, in Anbetracht der veränderten Migrations- und Fluchtbewegungen die Mauerpolitik weiterhin über ihre symbolische Dimension erklären? Hier kommt Brown zu einer zwiespältigen Antwort. Zum einen sieht sie sich gezwungen, die These von der funktionalen Wirkungslosigkeit von Mauern in Teilen zu relativieren (13). Zwar könnten Geflüchtete durch Mauern immer noch nicht grundsätzlich aufgehalten werden, sie würden aber – nicht zuletzt im europäischen Grenzregime – zum Instrument einer veränderten Geopolitik, die Räume neu strukturiere und migrantische Körper reguliere (17). So würden unter anderem Migrationsbewegungen mithilfe von Mauern und Barrieren umgelenkt, wodurch Mauern „zu einem Bestandteil eines komplexen Ad-hoc-Netzwerks räumlicher und gouvernementaler Techniken zur Lenkung, Kanalisierung, Polizierung und Beherrschung von Migrationsströmen geworden“ (19) sind. Zum anderen müsse aber auch ein qualitativer Unterschied der europäischen Grenzpolitiken zum nationalen Mauerbau, den Brown thematisiert, herausgestellt werden (19): So handle es sich bei den EU-Grenzpolitiken nicht um nationalstaatliche Programme. Doch gerade die enorme Popularität von nationalstaatlichen Mauerbauprojekten, wie sie etwa in Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf augenfällig wurde (17), bestätige ihre Ausgangsthese, dass Mauern zwar keine souveränitätssteigernde, aber eine starke theatrale Wirkung entfalten können. Letztlich will Brown deshalb die theatralitätspolitische „zentrale These von Mauern aufrechterhalten“ (13). Geopolitische Aspekte würden Teil eines integrativen theatralitätspolitischen Rahmens. So erklärt sie in der Formulierung streitbar: „Dass sie [die Grenzbefestigungen] ebenfalls das Leben und Sterben Millionen entwurzelter, verzweifelter Menschen strukturieren, die sich auf der Flucht oder an provisorischen Zufluchtsorten befinden, ist auf diesem Theater ein Kollateralschaden. Wie auch die Demokratie“ (23).

Insbesondere vor dem Hintergrund ihrer aktualisierenden Überlegungen überrascht allerdings die Hartnäckigkeit, mit der Wendy Brown am Vorrang ihrer psycho- und theatralitätspolitischen Diagnose festhält. Denn zeichnet sich nicht gerade mit Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen von Grenzregimen eine deutlich größere Binnenkomplexität des Phänomens der ‚neuen Mauern‘ ab, als Brown in ihrer psychopolitischen These eingesteht? Vieles spricht dafür.

Eine solche Binnenkomplexität hat mindestens zwei Aspekte. Auf der einen Seite scheinen Mauern gewisse physisch-materielle Funktionen wesentlich zuverlässiger erfüllen zu können, als es Browns zentrales Beispiel der USA nahelegt. Dies gilt für die Abschottungsfunktion, deren Effektivität täglich etwa zwischen Süd- und Nordkorea, zwischen Indien und Pakistan, zwischen Ceuta und Melilla und anderswo augenfällig ist. Es gilt aber auch für eine Vielzahl weiterer Funktionen, die sich zeigen, sobald andere Kontexte berücksichtigt werden, z. B. solche der Eigentumssicherung, der Verteidigungsarchitektur, der Biopolitik oder gesellschaftlicher (Auto-)Immunisierungsprozesse (Esposito 2008). Auf der anderen Seite lässt sich aktuell zugleich ein Komplexitätszuwachs in Grenzpolitiken verzeichnen, in dessen Folge Mauerbaupolitiken erneut dezentralisiert werden. Extra-territoriale Internierungslager und flexibel auslegbare Grenzkorridore werden geschaffen, die ‚Fiktion der Nichteinreise‘ soll Grenzräume physikalisch aufheben, Drittstaatenlösungen und Rücknahmeabkommen werden geschlossen, die Befugnisse der sogenannten ‚Grenzschutzagentur‘ Frontex ausgebaut, und so weiter. Mauern kommen in diesem Gesamtdispositiv allenfalls Teilfunktionen zu.

Angesichts dieses mehrdeutigen Spannungsfelds, welches das Migrationsmanagement der Gegenwart charakterisiert, bleiben ‚Mauern‘ bei Brown letztlich merkwürdig unterbestimmt. Nicht nur, dass die Autorin gar nicht erst versucht, die historisch-empirische Komplexität von ‚Mauern‘ genealogisch zu erschließen (51f.); auch innerhalb der begrifflich-theoretischen Arbeit, die sie stattdessen unternimmt, bleibt der Facettenreichtum ‚neuer Mauern‘ abwesend. So nimmt Brown gleich zu Beginn eine perspektivische Setzung vor, die zwei Engführungen miteinander verschränkt: Sie entschließt sich, Mauern rein souveränitätstheoretisch zu betrachten und dabei den Begriff der Souveränität allein entlang eines Schmitt’schen Paradigmas zu interpretieren. An die Stelle eines soziologischen Begriffs setzt Brown somit eine ideengeschichtlich gewonnene Abstraktion, in der Mauern aus ihren komplexen Bedeutungskontexten herausgelöst sind. Nicht zuletzt deshalb bleibt in Mauern undefiniert, was ‚Mauern‘ nun eigentlich sind. Beständig gleitet Browns Semantik zwischen Grenzpfählen, Drahtzäunen, Betonmauern (mit und ohne Kameras, mit und ohne Wachturm, mit und ohne Grenzpersonal), Erdwällen, Sperrzonen, Wüstenabschnitten, Checkpoints und patrouillierenden Grenztrupps.

Mit Blick auf diese fehlende Präzision verhärtet sich insgesamt der paradoxe Eindruck, dass ‚Mauern‘ nur ein peripheres Thema in Browns Abhandlung darstellen. So werden sie letztlich ausschließlich als Aspekt der Versinnbildlichung einer ‚physischen Grenze‘ oder einer ‚Schutzreaktion‘ in der Argumentation relevant und stellen somit quasi eine austauschbare Projektionsfläche der Psyche dar.

Dieser Aspekt ist dem eigentlichen Anliegen von Mauern sicher abträglich, er lässt es im Gegenzug aber auch zu, Browns These auf andere Prozesse der Abschottung auszuweiten. Ein solches Verständnis legt auch Brown selbst nahe, wenn sie im Vorwort von „faktisch und bildlich [sich] einmauernden Nationalstaaten“ (9) spricht. Ebenso wie die Gefahren von Migration, Schmuggel und Terrorismus als metonymische Verweise auf identitätspolitische Verunsicherungsmomente verstanden werden sollen (163), ließen sich dann Mauern selbst als Metonymie für einen Abschottungsimpuls lesen. Eine solche Auslegung macht demnach auch weitere Phänomene wie den sogenannten ‚Brexit‘ im Rahmen von Browns Überlegungen zum Wunsch nach einer Souveränitätsfiktion lesbar. Ein Satz aus dem Daily Telegraph bringt diese Parallelität der Argumentationen auf den Punkt: „Britain would be able to have total control over its borders and decide who can come in, but it would be forced to compromise on this if it wants to still trade with the continent“ (Foster 2016). Der Wunsch nach Souveränität und der ‚Kontrolle der eigenen Grenzen‘, der maßgeblich zum Brexit-Votum beitrug, spiegelt hier genau das tragische Verhältnis wider, das Brown im Zuge ihrer Mauerthesen entwickelt. Die tatsächliche Souveränität liegt in grenzüberschreitenden ökonomischen Beziehungen und für die durch Abschottung scheinbar gewonnene Entscheidungsmacht der Nationalstaaten werden starke Einbußen auf z. B. ökonomischer Ebene in Kauf genommen. Auch der eingangs zitierte Tweet Donald Trumps plausibilisiert die metonymische Funktion von Mauern als Trägerinnen des Abschottungsimpulses, wenn Trump dem archaischen Bild einer Betonmauer das moderne Bild funktionaler Stahllamellen entgegenstellt. Browns zentrale subjekt- und souveränitätstheoretische Thesen sind also nicht spezifisch auf das Phänomen physischer Mauern beschränkt.

Risse in der Mauer

Trotzdem scheint mit einer solchen Ausweitung nicht alle Kritik einholbar. So ist hinsichtlich der Schlüssigkeit von Browns zentraler psychopolitischer Theatralitätsthese (177f.) ja gerade die Negativfolie einer generellen „funktionalen Wirkungslosigkeit“ (48; ebenso 9, 49, 51, 127, 170) von Mauern „ein wichtiger Bestandteil“ (170). Browns psychopolitische Analyse scheint nämlich letztlich notwendig auf einer Annahme der Ineffektivität von Mauern aufzubauen. Die symbolischen Dimensionen können erst plausibel zutage treten, sobald der Blick vom Materiellen gelöst wurde. Immer wieder ist Brown bereit, für diese diskursive Perspektivverschiebung sichtbare logische Leerstellen in Kauf zu nehmen, zum Beispiel indem sie die faktische Effektivität der israelischen Grenzmauer mit einem unabhängig davon geplanten Strategiewechsel der Hamas begründet (171), oder auf recht skurrile Begründungen zu verweisen – etwa, dass man durch Mauern nicht gut schießen könne (159f.). Die Problematik ‚wirkungsvoller‘ Aspekte von Mauern wird die Argumentation somit im Ergebnis nicht los. Damit ist nicht gesagt, dass der Hinweis auf die psychopolitische Dimension als solcher verfehlt ist; deren Bedeutung wird aber deutlich überbetont.

Browns These muss sich aber letztlich nicht nur diesem soziologischen, sondern auch einem sozialphilosophischen Einwand aussetzen. Denn speziell das Freud’sche Vokabular, in welchem die psychopolitische Dimension hier ausbuchstabiert wird, wirft schlussendlich mehr Fragen auf als es Antworten bereithält. So erscheint das „Begehren nach nationalen Mauern“ (206) im Geleit von Begriffen wie „Verlangen“ (167), „Fieber“ (167) und „Fetisch“ (177) im Ergebnis fast wie eine logisch konsequente Psychopathologie. Für Brown „wird das Mauerbauen selbst zu etwas Zwanghaftem“ (196) beziehungsweise zu einer „Form der nationalen psychischen Abwehr“ (202). Das mag manches erhellen; verunklart wird dadurch hingegen, worauf sich ein Denken und Handeln berufen soll, das die Beteiligten nicht zu passiver Ohnmacht gegen diesen Zwang verdammen will – jene, die sich die Mauern wünschen, solche, die sich dagegen engagieren, und letztlich die, welche durch sie gehindert und getötet werden. Die Gefahr besteht also, dass gerade durch den psychopolitischen Perspektivwechsel, den Brown strategisch starkmachen will, die Einsatzpunkte einer kritischen Gesellschaftstheorie verstellt werden. Denn eine so gedeutete psychopathologische Illusion wird, wie Brown selbst eingesteht, „nicht dadurch absterben, dass sie widerlegt wird“ (205). Hilfreich könnte hier eine erneute Perspektivverschiebung sein. So verweisen etwa Sabine Hess und Serhat Karakayali, Vertreter*innen der These der ‚Autonomie der Migration‘, auf die Möglichkeit und Notwendigkeit, die „Handlungsmacht der Migration als heuristischen Schlüssel für die Analyse von Grenzregimen zu verstehen“ (Hess/Karakayali 2017, 26). Wenn man die damit einhergehende Gefahr, die die beiden Autor*innen konstatieren – „Die Forschenden, so scheint es, reproduzieren die strukturelle Dominanz der Migrationskontroll-Apparate epistemologisch“ (ebd.: 27) – ernst nimmt, dann lässt sich dieser Hinweis auch als Frage an den Text Wendy Browns stellen. Vielleicht hätte der Perspektivenwechsel auf die andere Seite der Mauern nicht nur ein vollständigeres Bild der Situation ergeben und wäre dem Phänomen der ‚neuen Mauern‘ in seiner Komplexität gerechter geworden, sondern er hätte auch Wege zur Transformation der mauernden und eingemauerten Subjektivitäten gewiesen. Trotz dieser Schwierigkeiten ist es also notwendig, Brown in ihrer Aufforderung zu einer Auseinandersetzung mit Mauern zu folgen und diese in ihren komplexen Wirkungen zu hinterfragen.

Literatur

Esposito, Roberto. Bios. Biopolitics and Philosophy. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2008.

Foster, Peter. „What would Brexit mean for British Sovereignty?“ Daily Telegraph, 8. Juni 2016.

Hess, Sabine, und Serhat Karakayali. „Fluchtlinien der Migration. Grenzen als soziale Verhältnisse.“ In Der lange Sommer der Migration, herausgegeben von Sabine Hess, Bernd Kasparek, Stefanie Kron, Mathias Rodatz, Maria Schwertl und Simon Sontowski, 25–37. Berlin, Hamburg: Assoziation A, 2017.

Trump, Donald. „The Democrats, are saying…“ Tweet vom 18. Dezember 2018. Letzter Zugriff am 17.02.2019. https://twitter.com/realDonald Trump/status/1075197395892404231.

© 2019 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


 

 


ISSN 2198-0209  -  Twitter - Facebook - Datenschutzerklärung